Fossiles Schulfach verhindert Fortschritt


In Baden-Württemberg hat man 2005 den Versuch unternommen die Arbeitszeit der Lehrkräfte an den Vorbereitungsbedarf des jeweiligen Faches zu koppeln. Die Schulen, die den Entwurf umsetzen kann man nach drei Jahren an einer Hand abzählen, das Konzept kann als gescheitert betrachtet werden.

Hauptgrund ist nach Aussagen von Insidern und Szenekennern, dass man Lehrkräfte in Fächern wie Sport nicht verärgern und verprellen will. Diese Sichtweise geht davon aus, dass das Fach Sport fast keine oder keinerlei Unterrichtsvorbereitung bedarf. Und das scheint zur Zeit auch noch zuzutreffen. Ist das ein Grund das Arbeitszeiten-Konzept zu verwerfen?

Nein, die Bildungspolitik muss die andere Seite dieses Problems lösen. Fächer, die keinen Korrektur- oder Vorbereitungsaufwand haben vermitteln auch keine Bildungsinhalte bzw. fragen diese nicht ab. Was haben diese Fächer dann mit dem staatlichen Bildungsauftrag zu tun? Nichts? Oder sehr wenig! 

Also raus damit - für Sport gibt es Vereine und Fitnessstudios - und die freiwerdenden Lehrkräfte und Planstellen für substantielle Fächer eingesetzt. Zur Zeit gibt es erhebliche Defizite in Bildende Kunst, Musik, Literaturkunde, Tanz und anderen Fächern die Hochkultur und damit den Kern der Zivilisation vermitteln und die gleichzeitig die Feinmotorik verbessern. Dafür gibt es keinen Ersatz im ausserschulischen Bereich, den sich alle Eltern für ihre Kinder leisten können. 

Und wer sich Schulen ansieht, bei denen die Wochenstunden für Kulturunterricht deutlich über denen für Sport liegt, der wird dort tatsächlich eine andere Kultur vorfinden.

Entweder Sport raus aus der Schule, es ist ein überkommenes Fachkonzept zwischen Wehrertüchtigung und leistungsorientierter Egozentrik, das nicht mehr den Anforderungen der Gesellschaft entspricht. Das Sozialverhalten, das dort vermittelt wird, entspricht weder dem was Arbeitgeber erwarten, noch dem was unsere Zivilgesellschaft im täglichen Miteinander akzeptiert. Willenlose Trupps unter einem Alphatier sind kein brauchbares Team im Betrieb. Siegertypen, die mit spitzen Ellenbogen ihre Mitbewerber in den Boden rennen, nichts am Arbeitsplatz. Die Leitbilder dopender Radsportler, egomanischer Leichtathleten und manipulierter Wetten zeigen eine Realität des Leistungssports als Gladiatoren-Event. Das ist kein Umfeld für Schulunterricht.

Oder den Sportunterricht in einen Fitness- und Gesundheitsunterricht umbauen, dann hat er einen Sinn und eine Chance im Schulgefüge. Aber dann braucht er genauso viel Zeit für Vorbereitung- und Korrekturbegleitung wie andere Bildungsfächer und das Gleichgewicht der Zeit-Bewertung ergibt sich automatisch. 

Ein Landrat sagte bei einer Feierstunde zum Sport, dass Kinder hier die Chance haben verlieren zu lernen. Der Bereichsleiter betonte, dass sie den Willen zum Sieg lernen können. Ist es das? Soll es das sein? Aufstieg oder Untergang, Sportunterricht als Weg kämpfen zu lernen? Wollen wir, dass zukünftige Generationen immer noch Konfrontation und Kampf statt Kooperation und Solidarität lernen? Wo vermittelt der Sport-Unterricht diese Kern-Kompetenzen der Zukunft?

Turnvater Jahn ist lange tot, die Bundesliga kommerzielle Entertainmentindustrie und die Schule für die Bildung da: Schneidet die alten Zöpfe ab! Modernisiert den Sportunterricht oder schafft ihn ab.

Er steht damit exemplarisch für das übergeordnete Problem. Nicht das Arbeitszeitkonzept, die veralteten Fächer bedürfen der Erneuerung.


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