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Vom Zustand der Nation angesichts der Gefahr


Ist die ZDF-Sendung Wetten, dass... der Nabel der Nation? Welche  gesellschaftliche Bedeutung hat dieses Format? Ist es gerechtfertigt, dass es Medien und Stammtische beschäftigt, wie eine nationale Krise?

Die ganz eigene Problematik des ZDF-Flagschiffs entsteht durch seine Reichweite, seine exorbitante Quote. Diese Sendung zur Prime-Time am Samstagabend wird von mehr als 10% der Bevölkerung konsumiert. Damit stellt sie ein gesellschaftlich relevantes Event dar, das zusätzlich regelmäßig wiederholt wird und somit eine nachhaltigen Wirkung auf die Zuschauerschaft hat.

Ein in vielfältiger Hinsicht bedenklicher Zustand.

Das TV-Publikum nimmt diese Quote war und deutet sie als gesellschaftliches Interesse und Wertschätzung. Die Sendung erzeugt dadurch zusätzlich beim Zuschauer den Eindruck, dass die vorgestellten Sachverhalte, das Verhalten der gezeigten Personen und die Wetten sowie das Wetten an sich innerhalb des gesellschaftlichen Konsenses  lägen.

Tatsächlich wird die Gesellschaft gespalten in eine Minderheit der WD?-Zuschauer und eine überwältigende Mehrheit, die sich nicht dafür interessiert. Für die Betroffenen entsteht der fälschliche Eindruck, dass sie einem gesellschaftlich anerkannten Kulturereignis beiwohnen. Es kommt zu Nachahmung, Multiplikation durch Gespräche über die Sendung und damit einer schleichenden gesellschaftlichen Akzeptanz von Wetten. Diese Einwirkung auf die deutsche Gesellschaft überschreitet m.E. die Grenze zur sozial-ethischen Desorientierung und ist mindestens jugendgefährdend.

Zusätzlich ist es eine Dauerwerbesendung mit zahlreichen Sponsoren, umfangreichem Product-Placement und vielfältigem Celebrity-Marketing und spielt damit auch in der Top-Liga der Werbemedien. Die Mehrheit der Zuschauerschaft misdeutet diese Scripted-Reality-Show in der Tradition des amerikanischen Vaudeville als echte kompetitive Veranstaltung und dadurch bekommt die Werbewirtschaft ein Medium mit einer engumrissenen Zielgruppe, die als naiv und manipulierbar klassifiziert werden kann. Andernfalls würde dieses Publikum die immer gleichen Abläufe und Entertainmentschnipsel nicht so nachhaltig konsumieren.

Würde nicht nur die Bühnendekoration, sondern auch das Kostümbild beibehalten, dann könnte man sogar jederzeit aus beliebigen Folgen der Vorjahre eine komplett neue Show zusammenstellen. Etwas, das man dann als "Best of ..." vorgesetzt bekommt und nicht von einer der Life-Shows zu unterscheiden wäre.

Hier kommt das öffentlich-rechtliche Fernsehen seiner Zweckbestimmung nicht nach. Würde diese Sendung nur keine Bildung und stattdessen reine Unterhaltung bieten, wäre es noch akzeptabel. Tatsächlich wirkt diese Sendung bildungszersetzend oder volkstümelnd ausgedrückt, sie verblödet die Zuschauer.

Die Sendung ist mit ihrem Anspruch eines kulturellen Vakuums eine gefährliche Form der Propaganda für Spießertum, politisches Biedermeier und naive Kritiklosigkeit. Diese Darbietungen sind durch ihre hohe Selbstreferenzierung in sich schlüssig und vordergründig nicht als realitätsfern zu erkennen.

WD? wird von vielen Menschen gesehen, weil sie von vielen Menschen gesehen wird.

Darin begründet sie gleichzeitig ihren Stellenwert und die Bedeutung ihrer Protagonisten. Exemplarisch war dies bei dem tragischen Unfall eines der Stunt-Darsteller zu erfahren, der bei seiner Performance eine schwere Querschnittslähmung erlitt. Jedes Jahr erleiden beim Sport über 100 Menschen in Deutschland ebenfalls eine dauerhafte Paraplegie, zusätzlich noch etwas mehr bei häuslichen Unfällen, von dem halben Tausend im Straßenverkehr nicht zu schweigen, und über all diese zusammen wurde nicht so häufig in den Medien berichtet wie über den Fall aus der ZDF-Sendung. Ebenso das Medienecho auf einen Con-Artist, der vorgab mit seiner Zunge das Aroma von Schreibgeräten unterscheiden zu können.

Nicht nur Banken sind gefährlich, wenn sie zu groß sind, sondern auch TV-Shows. Sie sind in diesem Fall nicht nur systemrelevant, sondern auch systemdeterminierend. Das gleiche gilt für Medienevents. Werden Fernsehsendungen, Tageszeitungen oder andere Medien von zuvielen Menschen konsumiert, erhalten sie eine selbstgetriebene Bedeutung und Deutungsmacht, die alle Aspekte des sozialen Lebens beeinflussen kann.

Politik, Kultur, Lifestyle, sogar der Zeitgeist, können von diesen Produkten, respektive von ihren Machern, manipuliert und mehr oder weniger gelenkt werden.


Eine Lösung dieses Problems ist jedoch nicht in Sicht, da der Staat schlecht Zwangsmaßnahmen nach Art der Kartellverfahren durchführen kann. Auch eine Koppelung von Reichweite bzw. Quote und eventuellen Zugangshürden zur Sendelizenz sind problematisch, da es kein verfassungsfestes Gesetzgebungsverfahren geben wird, das zu einer Verdreifachung des Ladenpreises für eine bekannte meinungsprägende Tageszeitung führt oder zu einer Verschiebung des Sendebeginns von WD? auf Mittwoch um halb Elf in der Nacht.

Es liegt am Fernsehrat und der Intendanz des ZDF hier Selbstbeschränkung zu üben und diesen kulturellen Leviathan zu zerschlagen.

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