Warum der Stammtisch gegen den EURO ist


Aktuell (Ende 2012) wird über den Jubel der britischen Stammtische über die Haltung von PM Cameron zur EU und dem Euro-Problem berichtet. Der gebildete und informierte Zuschauer wundert sich immer wieder wie es zu dieser Gegnerschaft weiter Kreise gegenüber dem Euro kommen konnte. Dies ist der Versuch eine Reihe von Fakten aufzuzeigen, die anscheinend diesen Stammtischbrüdern nicht bekannt und erst Recht nicht bewusst sind.

Am Anfang steht das Alter und die Stabilität der europäischen Gemeinschaftswährung. Diese ist nicht erst knapp zehn Jahre alt wie das Bargeld oder drei Jahre mehr wie das gleichnamige Buchgeld, sondern wurde von Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts initiiert und blickt auf fast vierzig Jahre kontinuierlicher Entwicklung zurück. Feste, politisch vereinbarte Wechselkurse ohne freies Spiel der Märkte bestimmen seither den innereuropäischen Devisenmarkt. In diesen vier Jahrzehnten war diese Währung stabiler und hatte insgesamt weniger Inflation als die Deutsche Mark in dem knappen Jahrzehnt zuvor mit der Endzeit von Bretton-Woods und den wenigen unabhängigen Jahren.

Als zweiter wesentlicher Punkt bewirkt der EURO die Stabilität der Preise beim innergemeinschaftlichen Warenaustausch und zusammen mit den anderen Vorteile der EU, wie gemeinsame technische Normen, Wegfall von Zöllen, keine Devisentauschverluste und vor allem die Freizügigkeit im privaten und geschäftlichen Bereich, fördert dies die Wirtschaft grundsätzlich und umfassend. All diese positiven Effekte der Gemeinschaft werden jetzt auch der britischen Wirtschaft bewusst, die in einem gemeinsamen Aufschrei über ihren Premierminister herzieht und ihn grenzenloser Dummheit schilt. Eine Dummheit, der nur Dumme Beifall zollen. Auch die kurzsichtigen Meckerer über den Wirtschaftsriesen Deutschland und seine riesigen Exporte übersehen, dass Deutschland genauso Rekordzahlen beim Import ausweist. Die Exporte beruhen auf einer Vielzahl Zulieferungen aus den europäischen Ländern und nur Rohstoffe werden überwiegend außerhalb der Gemeinschaft eingekauft. Ein Zurückfahren der deutschen Exporte würde sich Eins zu Eins in einem Rückgang der Importe abbilden. Im Gegenteil, die Stabilität des EURO gegenüber dem Dollar hat zu einer Verbilligung vieler Rohstoffe geführt und einen Teil der Preiserhöhungen durch die hohe Nachfrage Chinas und der Schwellenländer kompensiert. Briten und Amerikaner müssen dreissig bis vierzig Prozent mehr Preissteigerung bei Erdöl, seltenen Erden und anderen knapper werdenden Rohstoffen verkraften. Selbst der Rubel ist (noch) stabiler als Pfund und Dollar.

Und das dritte wichtigste Argument gegenüber dem Stammtisch ist, nach Geldwertstabilität und Wirtschaftswachstum, die Substanzsicherung der privaten Kapitalvermögen. Der Einwand, dass nicht jeder über Kapitalvermögen verfügt ist schlicht falsch. Jeder hat einen Anspruch auf Alters- oder Sozialversorgung, diese stellt einen Kapitalwert dar und wird in ihrer Höhe durch die Stabilität der Währung garantiert. Zu Zeiten der unabhängigen Deutschen Mark unter den Kanzlern Brandt und Schmidt verloren die Renten trotz drastischer Erhöhung über 20% an Kaufkraft. Mit der Einführung des EWS kam es zu einer Stabilisierung und seit Einführung des EURO-Bargelds kam es in den letzten zehn Jahren sogar zu einem Anstieg der Renten nach Kaufkraft gerechnet. Schließlich sind Inflationsraten von fünf bis zehn Prozent wie zu Zeiten der Deutschen Mark inzwischen Vergangenheit und überschreiten selbst in Krisenzeiten nicht die Mindestwerte der DM-Inflation.

Als Vergleich kann man das Volumen des Wertverlustes des britischen Pfundes gegenüber dem EURO seit der Bargeld-Einführung betrachten. Nimmt man die Bewertung aller Vermögen Großbritanniens in EURO im Jahr 2002 gegenüber 2011, so beträgt die Differenz mehr als eine Billion EURO, damit wäre die Entwicklung Großbritanniens in den letzten Jahren schlimmer als die Probleme in Griechenland, Italien, Spanien und Portugal zusammen. Und ausgerechnet dieser "Musterknabe" sperrt sich gegen Verbesserungen.

Wenn man dann davon ausgeht, dass sich eine "unabhängige" Deutsche Mark ähnlich wie früher oder ähnlich wie das "unabhängige" britische Pfund entwickelt hätte, dann graust einem vor der Vorstellung sie könnte wieder Realität werden. Nutzen würde das nur großen Immobilien- und Rohstofffonds. Und hier sind wir wieder beim Stammtisch und seiner Stimmung und bei denen, die diese Stimmung befördern.

Kurs der DMark zu Zeiten der Dollarbindung, der freien Währungen von 1971 - 1977 und in der
ECU-Bindung des Europäischen Währungssystems mit politisch fixierten Wechselkursen ab 1977 bis 1998

Kurs von Euro, Pfund und Dollar gegenüber dem Schweizer Franken ab EURO-Einführung am 1.1.1999

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