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J. C. Bach, Temistocle - Oper seria am NTM


Das mythische Drama um den antiken Griechen Themistokles als italienische Oper von einem Sohn Johann Sebastian Bachs vertont, kann das etwas sein? Geschrieben für den kurfürstlichen Hof in Mannheim und am 4. November 1772 am Hoftheater uraufgeführt, kann das noch unseren Geschmack befriedigen? Eine Inszenierung bei der Regie und Bühne aus einer Hand, der von Joachim Schlömer, sind und die ursprüngliche Aufführungsdauer von fünf auf zwei Stunden gekürzt, ist da noch etwas vom ursprünglichen Stück übrig? 

An dieser Stelle hat sich der Rezensent, und sie sollten es auch, erst einmal ein Bild vom historischen Helden gemacht - Wikipedia. Wer Google bemüht falle nicht darauf herein, dass Themistokles und Epikur den gleichen Vater hätten. Sie hatten beide nur einen Vater gleichen Namens, Neokles. Nach diesem ist auch der Sohn des Temistocle benannt, Neocle.

An dieser Stelle stößt man darauf, dass das ursprüngliche Libretto bereits von Antonio Caldera vertont wurde. Es war aber seine letzte Arbeit kurz vor seinem Tot und er konnte sie nie überarbeiten. Mattia Verazi, ein Mannheimer und Hofpoet des Kurfürsten, überarbeitete das Stück und ergänzte es für die Mannheimer Aufführung um zwei Rahmenszenen mit Ballet und sorgte so zusammen mit dem aufwändigen Bühnenbild für die originalen fünf Stunden Spielzeit. Die moderne Aufführungsdauer entspringt damit dem Verzicht auf Ballet und einem Bühnenbild mit weniger Umbauten und dynamischen Anteilen.


An dieser Stelle kommt beim Rezensenten der Wunsch auf, die Musik zu den Balletszenen irgendwann auch eigenständig im Rahmen einer Balletinszenierung zu erleben.

Es wird also im Gegensatz zur historischen Inszenierung ein Abend ohne Tanz, Chor und Massenszenen. Auf den Kern reduziert, das Kammerspiel um den griechischen Helden im Exil, seinen früheren Gegner und Sponsor, seine privaten Verstrickungen und das Allzumenschliche. Vorab, die spezielle griechisch-persische Homoerotik und die Viereck-Beziehungen der Paare, die im 18. Jahrhundert noch für Gespräche sorgte, war doch des Komponisten Angebetete eine der Geliebten des Fürsten, diese Parallelen spielten nur eine geringe Rolle im aktuellen Spiel. Im Vordergrund der Inszenierung stehen jetzt die innere und äußere Loyalität des Helden, das Ringen mit diesen und das Scheitern als Sieg und Niederlage.

Klar, symbolhaft und mit strengem Rahmen führt das Bühnenbild und die Effekte durch die Erzählung. Im deutlichen Dualismus goldenen Lichts, goldener Kostüme und goldener Kulisse gegenüber schwarzen Räumen, schwarzer Flüssigkeit und sich schwärzender Maske gibt es keinen Raum für Zwischen- und Grautöne. Dafür oder Dagegen, Alles oder Nichts, Sein oder Nichtsein - jeden Moment der Inszenierung ist es eindeutig - hier geht es nicht um das Finden eines Auswegs, das Drama kann nur ein Ende finden.

An dieser Stelle wünscht sich der Rezensent einen etwas offeneren Ausgang, etwas mehr Hoffnung, statt goldglänzender Depression.

Neocle, der Sohn des Temistocle, wird als Figur durch ein riesige Kopfmaske akzentuiert. Mit diesen und anderen drastischen Elementen lässt Schlömer keinen Raum für eigene Interpretationen des Bühnengeschehens. Das Publikum wird an der Hand genommen und sicher durch die Geschichte geführt. Kein Platz für Doppeldeutigkeiten, kein Platz für Missverständnisse, klare Kante an Serses (Xerxes) Hof. Ein anspruchsvoller Schritt der Regie, der gelingt. Nie verirren sich Musik und Darstellung auf unterschiedliche Wege, nie stehen Bild und Ton in mehrdimensionaler Dissonanz, das Stück wirkt aus einem Guss und ist deshalb auch ohne Pause zu genießen.

Lars Møller als Serse und Szabolcs Brickner als Temistocle liefern solide und sichere Parts ohne Schwächen, das Publikum berührt jedoch Cornelia Ptassek als Temistocles Tochter Aspasia intensiver. Das ist jedoch dem Raum geschuldet, den die Inszenierung dieser Figur gibt. Alle anderen Mitwirkenden zeigen ebenfalls keine Schwächen und so ist der Abend von der musikalischen Seite zweifellos gelungen.

An dieser Stelle deshalb die uneingeschränkte Empfehlung des Rezensenten, besuchen und anhören.

Es gäbe noch viel mehr zu sagen, viel mehr positiv hervorzuheben, aber das hieße zu viel des Geschehens und der Inszenierung preiszugeben. Das sollte man besser selbst erleben, erhören und erfahren.







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