DIE WELT - Maschinenbauer stehen vor Umsatzrekord

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Die Nachfrage wurde während der Krise angeheizt. Und die Krise selbst könnte die Ursache gewesen sein, sie hat die Entscheidungsabläufe nicht nur in finanzieller Hinsicht beeinflusst, sondern in Frage gestellt und darüber hinaus die Systematik dieser Entscheidungsabläufe mit allen ihren Kriterien neu aufgestellt.

Ein weiteres Ergebnis der Krise ist die Auswahl der Unternehmen, die über die finanzielle Möglichkeit und den Willen zu Investitionen verfügen. Dies ist eine Schicht von Unternehmen, die sich nachhaltig aufgestellt haben und über eine Firmenphilosophie verfügen, die anti-zyklische Investitionen zulässt. In dieser Kategorie sind Hasardeure, Spontan-Käufer und Schnäppchenjäger rar. Vorherrschend sind in dieser Gruppe  die Anhänger des TCO (Total Cost of Ownership) und des LTROI (Long Term Return on Invest). Hier zählt nicht der kurzfristige Effekt auf den Quartalsbericht, sondern es zählt die Effektivität und der Ertrag über den kompletten Lebenszyklus einer Investition.

Sucht nun ein solches Unternehmen eine Bezugsquelle oder einen Projektabwickler, dann stehen zusammen mit TCO und LTROI auch die Verfügbarkeit von Wartung und Ersatzteilen über den ganzen Lifecycle im Blickpunkt. Bei vielen Projekten erstrecken sich diese Zeiträume über 20 und mehr Jahre. Welcher Lieferant ist dazu in der Lage, wer hat diese Fähigkeit bereits in der Vergangenheit bewiesen und ist Willens sie zukünftig zu bieten? Wer hat eine Prognose, die die Erfüllung wahrscheinlich erscheinen lässt?

An dieser Stelle verengt sich der globale Markt auf wenige Anbieter und der deutsche Mittelstand ist hier sehr präsent und umfangreich vertreten. In der Krise addieren sich zusätzlich die deutschen Standortvorteile. Deutschland hat die Reformen von Arbeitsmarkt und Sozialversicherungen weitgehend hinter sich, die Demonstrationen gegen Hartz IV sind bereits Geschichte. Streiks oder gar Generalstreik sind kein Thema. Die erste Krise nach dem Lehman-Crash wurde mit Bravour durchstanden und in der folgenden Euro-Krise stehen Staat und Unternehmen stärker da denn je. 

Das schafft Vertrauen, das ist ein Argument um Projekte mit deutscher Beteiligung und deutschen Produkten zu realisieren. Davon profitiert insbesondere der mittelständische Maschinenbau.

Aber warum geht der Auftragseingang zurück oder ist das zwangsläufig und gar kein Warnsignal? 

Entgegen manchen öffentlichen Verkündigungen liegt dies nicht an der Krise, das verfügbare Geld ist nicht weniger geworden. Im Gegenteil, sinkende Zinsen und attraktive Chancen am Aktienmarkt begünstigen Investitionen der Wirtschaft und würden zu einem Anstieg des Auftragsvolumens führen. Wenn es nicht das Kapazitätsproblem gäbe.

88,6 % beträgt die Grenzkapazität in Betrieben mit linearen Arbeitsstrukturen ohne Schichtbetrieb. Solange der Jahresurlaub 6 Wochen beträgt ist dieser Schwellwert kaum zu überwinden. Eine Auslastung von 86,7 % erreicht damit eine Schwelle, die nur mit Urlaubsverzicht oder unter maximaler Ausnutzung von Überstunden und Zeitkonten überschritten werden kann. Die Arbeitsmarktstruktur in Deutschland erlaubt kein Angebot von qualifizierten Arbeitskräften, das zur Pufferung von Urlaubs- und Krankheitszeiten herangezogen werden kann, es gibt keine Job-Hopper-Kultur und die Einarbeitungszeit von Leiharbeitern überschreitet meist die Länge der Ausfallzeiten. Gerade mittelständische Firmen leiden in diesen Situationen unter personellen Engpässen, die eine beliebige Ausweitung der Produktion nicht erlauben. 

Der Rückgang bei den Auftragseingängen resultiert aus diesem Erreichen der Schwelle. Der anfängliche Boom konnte bis Beginn des Jahres durch brachliegende Kapazitäten abgefangen werden. Jetzt ist das Reservoir ausgeschöpft, früher freigesetzte Fachkräfte haben wieder Stellen gefunden. Vorhandene Produktionsmittel werden im Rahmen der zulässigen Arbeitszeiten eingesetzt und deren Kapazität ausgeschöpft. Damit kommt es zu einer Verlängerung der Lieferzeiten und ab einem Grenzwert ist dies für den Käufer nicht mehr beherrschbar. Weder Projektplanung noch -finanzierung lassen unbegrenzte Lieferfristen von über einem halben oder gar einem ganzen Jahr zu. Aufträge werden deshalb an Lieferanten zweiter Wahl in anderen Ländern vergeben, die keine Kapazitätsprobleme haben, im Gegenteil, dort kann man auch noch attraktivere Preise bieten. Die Zusatzmerkmale der deutschen Anbieter sind dann gegenüber dem Termindruck nachrangig.

Dieses Zurückfallen auf ein niedrigeres Niveau an Aufträgen führt nur zu einem Rückgang des Auftragseingangs. Demgegenüber stagniert das Niveau beim Auftragsbestand und dies bedeutet, dass soviel neu geordert wird, wie im Rahmen der Kapazitäten überhaupt geliefert werden kann. Und diese Plateauphase beim Auftragsbestand scheint erreicht.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass jedes Jahr über eine Million erfahrene Arbeitskräfte, kompetente Männer und Frauen in den Ruhestand wechseln und über 150.000 junge und frisch ausgebildete Berufsanfänger fehlen um diesen Verlust vollständig auszugleichen. Dies bedeutet, dass seit dem Vorkrisen-Hoch von 2008 über 5 Millionen ihre Arbeitsplätze verlassen haben, darunter über eine halbe Million hochqualifizierter Fachleute und Führungskräfte. Und bei der nachfolgenden Generation klafft bei den Fachkräften eine Lücke  von fast hunderttausend Stellen und über alles sind es eine Million weniger ausgebildete Menschen im Arbeitsleben. Gerade für den Mittelstand ist dies ein besonderes Problem, da er im Gegensatz zur global agierenden Großindustrie nicht in großem Umfang auf Mitarbeiter an internationalen Standorten zurückgreifen kann. Dies lässt viele Mittelständler vor Investitionen zur Kapazitätsausweitung zurückschrecken. Es ist nicht die Krise, die schreckt, sondern die Vorstellung neue Bürogebäude und Fabrikhallen zwar mit Mobiliar und Maschinen ausstatten zu können, aber keine Menschen mit den benötigten Kompetenzen und Erfahrungen zu finden. 

Da bleiben dann nur Investitionen in ausländische Niederlassungen, der Erwerb kompletter internationaler Standorte oder den vorhandenen Anbietern in diesen Ländern einen Teil des Marktes zu überlassen. Darin liegt auch der Keim für die Überwindung der Krise. Die Impulse durch die überschwappende Nachfrage wird erste Stimuli setzen, wiederum neue Nachfrage schaffen und so die Drehrichtung der Spirale von Krise auf Normalität verändern. Dieser Punkt scheint erreicht. Andere Länder, die erfolgreich Reformen umgesetzt haben und die Fähigkeit zur Krisenbewältigung demonstriert haben, spüren die Belebung ihrer Wirtschaft. Nicht nur Island und die baltischen Staaten sind dafür ein Beispiel. 

Die Zeichen stehen auf Normalität, selbst wenn das Stagnation bedeutet. Aber auf Rekordniveau noch zuzulegen wäre gefährlich. Wenn man die beste Rundenzeit erreicht hat, könnte jedes Zehntel den Verlust der Bodenhaftung und den Ritt ins Aus bedeuten. Das Rekordergebnis zu stabilisieren und zu halten ist Leistung genug. 


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