Internet-Sucht - Science-Trolle am Werk

Wir leben in aufgeklärten Zeiten, wir werden umfassend mit Informationen versorgt, fast jeder hat die Möglichkeit auf den Stand der Forschung und Wissenschaft zuzugreifen. Mythen, Monster und Scharlatanerie gehören der Vergangenheit an.

Trotzdem möchte sich der Mensch gerne gruseln und er liebt es den sozialen Zusammenhalt und die  "richtige" Lebensführung durch die Vorgabe von Verhaltensweisen und Konventionen festzulegen. Dabei entstehen Zeitgeist und Mainstream. Positiv ist dies, wenn es Zivilisation und Gesellschaft vorantreibt, das Neue umarmt und den Fortschritt integriert. Dann reifen Menschen und Gemeinschaft, folgende Generationen können aufbauen und gedeihen.

Dem gegenüber stehen Sehnsüchte reaktionärer Teile der Bevölkerung, Menschen voller Phobien und innerer Unsicherheiten, die im Neuen eine Bedrohung sehen. Ihnen kommen neue Ersatzmythen und Ängste vor abweichendem Verhalten gelegen. Sie lassen sich als Popanz instrumentalisieren, mit dem sich Verhalten und Lebensweise in genehme Bahnen lenken lassen. Damit lassen sich Veränderungen der Gesellschaft im Zaum halten und Macht und Einfluss bleiben in "altbewährten" Händen. Die "gute alte Zeit" und der "Status Quo" sind die Leitbilder der Reaktionäre, ihre Monstranz für das Leben. 

Eine dieser neuen Mythen zur Lenkung der Menschen soll nun die Internet-Sucht werden. Das beginnt mit dem General-Verdacht gegenüber Kindern, die ein Smartphone benutzen wollen und endet beim Vorbehalt gegenüber dem Anwender von Google Glass, der sein Leben im WebLog widerspiegelt. Akzeptanz von Fortschritt, Early Adopting, soll stigmatisiert werden, zum abweichenden Verhalten erklärt werden. Damit lassen sich zukünftig Vorgehensweisen gegen diese das Internet begründen. 

Es geht bei der Debatte um Internet-Sucht nicht darum, dass sich jemand vom sozialen Leben abkapselt und sich ähnlich einem Depressiven zurückzieht oder wie bei sozialen Phobien Kontakt meidet, nein, es geht um exzessive Internet-Nutzung. Der Umstand nie "offline" zu sein wird zur Krankheit erklärt, zur psychischen Abberation. Der Offline-Zustand wird als Prüfstein der Normalität verwendet.
„Ich bin dann mal offline" - ein Selbstversuch
Jahrestagung der Drogenbeauftragten 2012

Auf der Jahrestagung der Drogenbeauftragten unter dem Thema „Wenn aus Spaß Ernst wird - Exzessive und pathologische Computerspiel- und Internetnutzung“ hat man versucht sich der Sache anzunehmen. Aber schon der Titel zeigt ein völlig falsches Verständnis der Sachverhalte und ein Verkennen der Realität.

Computerspiele und Internetnutzung werden in einem Zusammenhang genannt, in einen Topf geworfen und damit Maßstäbe gesetzt, die nicht nur unsinnig und gefährlich sind, sondern politisch bedenklich. So fordert die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans auf der Tagung: „Präventionsmaßnahmen und Behandlungsangebote müssen verstärkt werden und sich auf die Gruppen ausrichten, die von einer exzessiven Internetnutzung besonders betroffen sind.“ Auch hier wieder ein neuer Mythos, die Vorstellung einer exzessiven Internetnutzung. Etwas, das es auch im 21. Jahrhundert nicht geben kann, denn niemand kann mehr als 24/7 online sein. Es wird impliziert, dass der unvernetzte Zustand die Normalität darstellt, Internet-Nutzung ein abweichendes Verhalten, das mit zunehmendem Umfang krankhaft wäre. 

Aus gutem Grund hat die WHO bisher die exzessiven Internetnutzung nicht als eigenständige Krankheit klassifiziert. Dagegen gibt die Bundesregierung Geld aus um Kriterien für die Symptomatik der Internetabhängigkeit erarbeiten zu lassen, ein fragwürdiges Unterfangen. 

Wer sich durch Gebrauch und Zugriff auf das Internet isoliert oder von allen persönlichen sozialen Kontakten zurückzieht, sich soweit dem Umfeld und Alltag entzieht, dass er gesundheitliche Schaden nimmt, der leidet unter einer psychischen Erkrankung. Für diese Krankheit ist das Internet nur Instrument, aber nicht Ursache . Bei einem manischen Waschzwangs spricht auch niemand von Seifen-Sucht. Hier werden Ursache und Wirkung vertauscht, nicht die exzessive Nutzung ist eine psychische Krankheit, sondern die psychische Krankheit kann sich unter anderem in exzessiver Internet-Nutzung ausdrücken.

Hier wird unter einem Vorwand das Internet und seine Nutzung dämonisiert, zum Monster gemacht, ein Mythos geschaffen. Cui bono?
Auf der einen Seite möchten sich die Beteiligten als strahlende Ritter präsentieren, die diese neue Gefahr bekämpfen und die Menschen davon befreien werden. Auf der anderen Seite öffnet sich eine Front gegenüber dem Fortschritt, eine Technophobie besonderer Art. Und auf einer dritten Ebene macht man sich zum Erfüllungsgehilfen einer längst überwundenen Ideologie aus feudalistischen Zeiten des Absolutismus.

Denn die Frage ist erlaubt und sinnvoll, gibt es diese neue Gefahr überhaupt? Muss der Mensch ohne Internet auskommen können, offline sein können? Die Frage ist so intelligent wie die, ob man ohne elektrischen Strom oder Zentralheizung im Winter auskommen kann. Natürlich kann man, aber warum sollte man?

Dahinter steckt eine reaktionäre Denkweise, fußend auf religiösen Traditionen, die Askese als positive Lebensführung sieht, die das Leben als Jammertal sieht und jede Erleichterung und Lusterfüllung zur Sünde erklärt. An dieser Stelle wird der Internet-Skeptizismus zum skandalösen Trittbrett für eine Ideologie der Unterdrückung. 

Wenn man in der Geschichte zurückblickt sieht man den Hintergrund. Der Gedanke hinter der Befürwortung von Askese und Entbehrung war in mittelalterlicher Zeit ein politischer und ökonomischer - die Disziplinierung der Leibeigenen und Erbuntertänigen. Wenn Entbehrungen und Selbstkasteiung positiv und erstrebenswert sind, dann sind die Sklaven für ihren Herzog oder Bischof billiger zu unterhalten. Mit einer Fastenregel an zwei bis drei Tagen der Woche konnten die Herren das Fleisch einsparen. Mussten dadurch ein Drittel weniger Vieh schlachten. Perfider Absolutismus statt Humanismus. 

Wer dieses mittelalterliche Prinzip pauschal und ohne hinterfragen in unser Zeitalter transportiert und auf die Internet-Benutzung überträgt, der handelt ignorant. Dies eine Zeit der Aufklärung, nach Entwicklung der Psychologie und Psychotherapie, nach Entwicklung der Neurologie und Neuropsychatrie, Sucht und psychische Krankheiten werden nicht mehr über ihre Folgen und Aspekte definiert, sondern über ihre Ursachen. Hier erklärt man einen Aspekt moderner Lebensweise als Sucht, der noch nicht einmal exzessiver Lifestyle sind. Genauso gut könnte man einen Bauer des späten 19. Jahrhunderts der Kartoffel-Sucht bezichtigen, angesichts seiner Ernährungsgewohnheiten. Niemand würde im Winter einen Selbstversuch starten um auf Heizung zu verzichten, wegen möglicher Wärme-Sucht. Niemand würde elektrischen Strom oder Messer in diesen Zusammenhang stellen, nur weil sie rund um die Uhr und jederzeit genutzt werden, aber Borderline-Kranke sich damit Narben zufügen. Das Internet ist ein permanent verfügbares Werkzeug, rund um die Uhr präsent und in unser Leben vielfältig eingebunden. Seine missbräuchliche und psychisch krankhafte Verwendung kann sich auf wenige Minuten am Tag beschränken und trotzdem manisch zwanghaft und damit behandlungsbedürftig sein. 

Die Herangehensweise würde ihre skandalöse Dimension verlieren, wenn die Internet-Nutzung nicht mehr quantitativ zum Kriterium würde, sondern qualitativ. Nicht die Dauer der Nutzung, sondern die Interaktion mit dem Leben und der Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden müssen in den Vordergrund gestellt werden. Ein Verzicht auf den Dualismus Online/Offline ist das Mindeste, er stellt das Menschenrecht auf den Online-Zustand in Frage.

Da es sich beim Personenkreis der Debatte um erfahrene Menschen mit Kenntnissen der Psychologie handelt muss man sich die Frage stellen, welche Beweggründe stecken hinter dieser propagandistischen Aktion? Warum wird der Dauergebrauch des Internets zur Krankheit erklärt? Wenn man bestimmte Anwendungsformen des Internet meint, warum benennt man diese nicht deutlich? Wieso diese pauschale Verdammung des Netzgebrauchs? Cui Bono?

Ich habe Angst, dass sich nichts mehr verändern soll.


Siehe hierzu:

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