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Olga Neuwirth, The Outcast - Oper am NTM


Wegen Krankheit fiel in der letzten Spielzeit nicht das Stück aus, sondern der Rezensent. Jetzt war es eben die sechste und nicht die zweite Aufführung, die ich besuchen konnte. Das hatte sowohl den Vorteil vieles über das Stück zusätzlich erfahren zu haben, als auch den Nachteil vieles über das Stück zusätzlich erfahren zu haben. Dieses Auftragswerk für das Nationaltheater Mannheim zählt zu den innovativen unter den zeitgenössischen Werken und Innovation und Veränderung verunsichert immer einen Teil des Stammpublikums und so ist es auch, der heutige Abend konnte nur eine kleine Schar an Zuschauern ins Opernhaus locken. Auch von den Abonnenten, den bekannten Gesichtern im Publikum waren viele abwesend, die Karten retourniert und nicht weitergegeben worden. All diesen Zaghaften entging ein intellektueller Genuss von Rang.

Auch wenn man in den Medien von gewaltige Streitereien zwischen der Komponistin und Mitautorin Neuwirth und Regisseur Michael Simon lesen konnte, das Stück entfaltet mächtig Wirkung. Es dringt tief in die Seele Melvilles und seiner Figuren ein, zeigt wie diese den Autor, seine Zeit und die Gesellschaft wiederspiegeln und spannt gleichzeitig den Bogen zu unserer Zeit und ihren "weißen Walen", ihren "Ahabs" und dem Streben nach Erfüllung. Dass Simons Inszenierung ein Stück weit der Infantilisierung der Gesellschaft folgt und plakativen, bunten Aktionismus von Anonymous bis Occupy Wallstreet einbaut, sei ihm nicht nur verziehen, sondern ausdrücklich erlaubt - spiegelt sich doch darin der Charakterwandel der Zeit. Ob es die Absicht des Regisseurs war, diese Abgründigkeit mangelnden gesellschaftliche Fortschritts zu zeigen, wird im Grunde nicht deutlich, es ist meine ganz persönliche Deutung. Dafür er hat mir und jedem anderen Zuschauer eine Leinwand geschaffen, auf der sich die Gedanken im Kopf des Betrachters entfalten können. Wahrlich kein museales Stück Musikkonsum im Operngewand, sondern zeitgenössische Kultur.

Und die Figur des Melville, dargeboten in einer bewegenden Performance von Anton Skrzypiciel, ist keine Stimme aus dem Off, dieser Erzähler dominiert die Bühne, ist On, so etwas von On. Es fehlt nicht viel, und es wäre sein Monolog mit Begleitung.


Dass die Musik neben dieser geballten, interpretativen Gewalt des Stückes nicht dominant wirkt, nicht Schwerpunkt des Bühnenwerks ist, sondern Primus Inter Pares, sollte die Komponistin nicht schmerzen. Auch wenn es viele Teile sind, zusammen entfalten sie in diesem Stück eine starke Wirkung.

Seien es die Bauten, die ebenfalls von Michael Simon stammen, die mit der Nutzung der Hub- und Drehbühne und textgewaltigen Wänden, sowohl der Seelenverzweiflung als auch dem Grauen des Meeres Spielraum verschaffen. Seien es die Maske und die Kostüme von Zana Bosnjak, die den besonderen Charakter Melvilles auf der einen Seite und den seiner herbei geschriebenen Seeleuten auf der anderen Seite herausstellt. Hier kommt auch der Einsatz des neuen Kinderchores, des Chores und der Statisterie zum Tragen. Sie erzeugen Gedankenbilder, Szenen aus Melvilles Romanen und spannen im Hintergrund den Bogen über das Geschehen. Ganz großes Kino könnte man sagen.

Und man muss es sagen, denn eine weitere Säule dieser Inszenierung ist die Videokunst von Lillevan. Live vom Künstler in den Aufführungen performed, erhöht sie die Musik kongenial, erweitert den Klang über den Raum und das Hören hinaus in die Gedankenwelt. Der Zuschauer wird emotional bei der Hand genommen, umarmt und geführt. Damit ist man in der Lage, trotz der hohen intellektuellen Herausforderung von The Outcast, das Stück auch zu genießen, sich passagenweise treiben zu lassen, zu entspannen. 

Unter der musikalische Leitung von Joseph Trafton spielte eine erweiterte kleine Besetzung des NTM-Orchesters gewohnt routiniert, harmonierte gut mit den elektronischen Erweiterungen und meisterte die Erzeugung der Neuwirthschen Klangwelten mit Bravour. Dass bei den Sängerinnen und Sängern Trine Wilsberg Lund mit der Ishmaele den Glanzpart hatte war nicht nur den Rollenanteilen geschuldet, unter dem Ensemble des Abends stach sie deutlich hervor. Die anderen absolvierten den Abend routiniert und standfest ohne Schwächen, wobei es eine besondere Leistung ist sich vor leeren Rängen überhaupt zu motivieren. 

Das Buh des Abends geht deshalb an das abwesende Publikum.

NTM-Trailer zum Stück

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