Tartuffe - Schauspiel Stuttgart zu Gast am NTM


Nachmittagsvorstellung am Nationaltheater in Mannheim, ein Termin auf dem ein- oder zweimal im Monat nach und nach das ganze Programm auftaucht und dem kulturbeflissenen Kurpfälzer eine Möglichkeit bietet, abseits der manchmal pompösen Publikumsaufmärsche am Abend, ganz leger in Joppe und ... nein, nicht gerade in Schlappen ... relativ formlos sich dem Kulturkonsum oder Kunstgenuss hinzugeben. Etwas anders sieht es aus, wenn wie heute ein so genannter Klassiker angesagt ist. Derartiges wird auch an die Busgruppen des Regionalabonnements vermittelt und zieht auch im freien Verkauf ein Publikum an, das bei dieser Gelegenheit seine Quote an jährlichen Theaterbesuchen absolviert.

Auf diese Klientel war das Stück sichtlich ausgerichtet, wobei man den Schauspielern hier keinen Vorwurf machen kann - sie spielten solide bis leidenschaftlich, wobei man Catherine Stoyan besonders hervorheben muss, die nicht dem Affen, aber dem Publikum Zucker gab und mit starkem Applaus geehrt wurde. Molière wäre mit den Schauspielern auch zufrieden gewesen, aber nicht mit der Inszenierung.

Er hätte gefragt wieso man ohne Zensur und ohne frömmelnde Königinmutter das Stück so zahm anlegt. Keine Auseinandersetzung mit dem reaktionären Establishment, dem Klerus oder den inneren Machtstrukturen des Staates, weder ein kritischer noch ein ironischer Blick auf diese. Nein, man wirft stattdessen einen Blick ins Innere der Figuren Molières, modernisiert den Tartuffe mit einem Anklang an Palahniuks Tyler Durden, zieht eine Wolke Tod des Handlungsreisenden über die familiären Beziehungen und lässt die Figuren monologisierend mit dem psychologischen Zaunpfahl winken.

Dazu kommen Kostüme, die hart an der Grenze zum Klamauk entlang schrammen und ein Bühnenbild, das tatsächlich mit dem Holzhammer Symbolik herstellt. Aus der gesamtgesellschaftlichen Kritik der vorrevolutionären Zeit wird ein Hadern mit einem saturierten Mittelstand, der Langeweile der Wohlstandsgesellschaft und Tartuffe wird zur Ein-Mann-Occupy-Orgon-Aktion. Dieser Tartuffe wird aber die, ihm von Molière anscheinend bullet-proof verpasste, klerikale Korruptheit nicht los. Auch hier ist er wieder der klassische Archetyp aller Con-Man, des Klerikers mit eigener Agenda.

Inszenierungsbeispiel von einer amrikanischen Theater-Hochschule

Am Ende des Stücks fühlt man sich zu leicht unterhalten, etwas aus der Zeit entrückt. Das war weder museales Hochamt für Molière noch eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit ihm, manchmal seltsam brav und eher in der Zeit von Arthur Millers Dramen zu verorten. Angestaubt.

Orgon bleibt in Claudia Bauers Inszenierung für das Stuttgarter Schauspiel ein Schlipsträger, Teil eines anonymen Establishment, ohne Bezüge zu Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Aber gleichzeitig auch keine neutrale Projektionsfläche für Investmentbanker, Daimler-Vorstände oder Spitzenpolitiker, dazu ist er zu sehr wie ein Stück Discounter-Weißbrot - stark in der Präsentation, aber kein Geschmack und kein Biss. Am Ende erscheint es selbstverständlich, dass der tumbe Tor sein Vermögen verliert, Mitglied einer Erbengeneration, die Position und Vermögen ihren Vorfahren verdankt. Mag sein, dass das die Botschaft von Bauers Inszenierung sein soll, aber das ist angesichts von Molières ursprünglichem Ansatz viel zu wenig. Mit einer solchen Vorlage muss man weiter springen und härter treffen. Zumal in Zeiten wie diesen, in denen das wahre Leben eine Messlatte vorgibt unter der man weder mit einem Drama noch einer Komödie liegen bleiben sollte.

Zwei Daumen nach unten für die Inszenierung.
Einen nach oben für das Ensemble.





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