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Puccini, La Fanciulla del West - Oper am NTM


Kalifornien, mexikanischer Nordstaat, ist Ausgangsszenerie für diese Oper des frühen 20. Jahrhunderts. Amerikanische Truppen fallen ein, besetzen und okkupieren das mexikanische Territorium. Das Land, das den Indianern geraubt worden war, wird erneut geraubt. Die modernen Uniformen und die historisch unpassende Flagge künden es, dieses Stück wurde mit einer modernen Fassade versehen. Keine Goldgräber- oder Wild-West-Romantik mehr, sondern nüchterne postindustrielle Trostlosigkeit.


Und da beginnt die Zerrissenheit der Inszenierung - Anspruch, Erwartungen und Möglichkeiten gehen im Unverbindlichen über weite Strecken verloren. Das Stück ist durchdacht modernisiert in Kostüm und Bühnenbild und weiß zu überzeugen. Die darstellerischen Konzepte und die musikalische Ausarbeitung werden Puccini gerecht.

Uwe Eikötter als Nick, der den Saloon schmeißt, gibt eine Neuauflage von William H. Macy in The Wool Cap, nicht stumm, im Gegenteil, solide gesungen und gespielt ist er einer der Anker der Aufführung.

Liudmila Slepneva lieferte routiniert und ausdrucksstark eine emotional bewegende Minnie, die Anforderungen von Puccini an die Aufführung seiner Stücke voll erfüllend und Puccini war nicht nur Komponist sondern auch ein Perfektionist, bei dem jedes Detail stimmen musste.

Herausragend an diesem Abend jedoch der Anti-Held des Stücks, der von Roy Cornelius Smith gegebene Ramerrez. Stimmlich und darstellerisch dominiert er die tragische Romanze.

Video: Inszenierungsbeispiel Stockholmer Oper 2013

Traditionelle Inszenierungen sind dagegen kitschüberladen und schwer zu goutieren. Am NTM ist Minnie nicht das bauernschlaue Blondchen, sondern eine selbstbewusste Frau. Die Ambivalenz der amerikanischen Außenpolitik, die Puccini sicher im Blick hatte und die im Vorfeld des ersten Weltkriegs begonnen hatte den einen oder anderen Konflikt auszulößen oder zu beeinflussen, wird so deutlich sichtbar und nicht mehr von der zeitlichen Distanz der Originalhandlung verklärt.

Aber beständig bleibt ein Gefühl im Hintergrund, dass dieses Glas halbleer statt halbvoll ist. Irgendetwas fehlt, etwas das sich aufdrängt, das man sehen will. Ist dies die mehr kritische Präsenz der Finanzindustrie, die vom Wells Fargo Agenten Ashby als Randerscheinung vertreten wird? Ein Part gesungen von Sung-Heon Ha, der damit deutlich unterfordert ist. Ist es die sich aufdrängende Parallele zum Einsatz im Irak mit Zugriff auf das Erdöl statt des kalifornischen Goldes, die Taliban in der Rolle der Mexikaner zeigen würde? Hier bietet ein Stück solch gewaltiges Potential an Zeitkritik, die immer wieder passt und an der sich tragischerweise nichts zu ändern scheint. Es ist dieser Bogen über die Zeiten, die Allgemeingültigkeit des Geschehens, die hinter der Modernisierung unsichtbar wird. Wer das Stück zusätzlich in musealer Inszenierung früher gesehen hat, kann diesen Schritt vollziehen, wer nur das eine oder das andere gesehen hat nicht. Hier bleibt Tilman Knabe hinter dem Möglichen zurück, seine Inszenierung bleibt solide, erwartbar und verbindlich, dass sie nicht ins Boulevardeske abgleitet ist allein der Stärke des Originals zu verdanken.


Dieses Original, in Form seiner Musik, setzt die Eckpunkte und Leitplanken, deutet die Inhalte und führt den Zuschauer durch die Stimmungswelten der Figuren. Begeistert geführt von Alois Seidelmeier zeigt das NTM-Orchester die Kraft seiner großen Besetzung und vermag, von der Wucht der großen Chorszenen im dritten Akt bis zu den zarten Duetten im zweiten, alle Nuancen von Puccinis Schaffen zu manifestieren. In diesen Momenten wird einem klar wie fortschrittlich, wie kontrovers und mutig 1910 dieses Werk gewirkt haben muss. Zu einem Zeitpunkt als einige Männer und Frauen der Handlungszeit noch lebten. In dem Land, das hier als Angreifer, Zerstörer und Ausbeuter kritisiert wurde. Ein bisschen von Puccinis Mut hätten die Mannheimer haben können und die Handlung eindeutiger in einen der aktuellen Landraub-Konflikte legen können. Es ist ja nicht als gäbe es keine aktuellen Beispiele, mit und ohne die USA.

So war der Abend eine tolle Leistung, große Unterhaltung und große Oper, hinterließ aber das Gefühl mit einer guten Suppe abgespeist worden zu sein während die Weihnachtsgans noch im Gefrierfach liegt.
Update (Februar 2014): Videobeispiel ersetzt, da Original nicht mehr verfügbar



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