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Weihnachtsgeschichte ... vor 350 Jahren

Nur langsam geht es durch den tiefen Schnee, die Kälte kriecht in die Felljacke und der gefrorene Atem lässt den Bart schwer werden. Windböen fegen eisige Kristalle von den Bäumen. Im tief verschneiten Tal am Rand des Walds steht abseits ein kleines Haus. Es beherbergt die Familie des Holzfällers und Flößers Fritz. Einzige Gesellschaft in der Winternacht sind die Tiere des Walds und das Rauschen des Windes in den großen Tannen und Eichen. Es stehen nicht mehr viele dieser Riesen, seit das Kloster St. Blasien die Wälder roden lies ohne wieder aufzuforsten. Weideland für das Vieh nimmt immer größere Teile des Tals ein. Selbst die Bauminseln der Haselnuss werden seltener in den Auen drunten am Fluss. Und übersehen die Haselmäuse und Eichhörnchen eine der Nüsse, fressen die Ziegen den Sämling im Sommer. Und dann wird er selten werden, der Duft der gerösteten Nüsse, der mit dem Advent das Christfest ankündigt.
Unser Winterwanderer ist ein Familienvater in den besten Jahren. Klamm sind seine Hände, eisig die Füße und Lungen. Das Atmen fällt schwer. Aber er hat schon Schlimmeres durchgemacht. In seiner Jugendzeit hatte der 30-jährige Krieg noch gewütet. Der hatte vielen Menschen im Tal nicht nur Leid und Tod gebracht,  unserem heranwachsenden Fritz und seinem Vater gab er viel Arbeit beim Fällen und Flößen. Die langen und geraden Baumriesen des Wiesentals waren schon immer ein beliebtes Baumaterial. Auch im letzten Sommer gab es noch großen Bedarf an den stabilen Stämmen für die Ausbesserung der Kriegsschäden im Rheintal. Schwer war die Arbeit und karg der Lohn. Ohne die eigenen Ziegen und deren Milch und Fleisch hätte seine Familie es nicht überlebt, würde nach der Pacht ans Kloster zuwenig übrig bleiben um alle satt zu kriegen.
Trotz allen Leids der Kriegsjahre hatte Fritz eine besonders schöne Erinnerung an diese Zeit. Mit einem Trupp Söldnern aus der Schweiz war auch eine Marktenderin aus dem Berner Oberland ins Alemannische gekommen. Eva, die Tochter eines Senns, von den Hängen des Wildhorns bei Sitten. Eine sechste Tochter, die ohne Aussicht auf Mitgift und anständige Hochzeit das Abenteuer gesucht hatte. Die Kunde vom Ende des Kriegs war bis in diese Ecke des Schwarzwalds gedrungen, die Söldner hatten sich zerstreut und auf den Heimweg gemacht.  So war es der fröhlichen Schweizerin leicht gefallen sich in den jungen Mann mit den dunklen Augen zu verlieben. Der verfügte nicht wie die Soldaten über genug Sold um sie für ein paar Stunden für sich zu gewinnen, deshalb versuchte er gleich ihr Herz und damit die ganze Frau fürs Leben zu gewinnen. Mit dem Frieden war nicht nur die Zeit für das Soldatendasein vorbei, sondern auch für Frauen im Tross. Und Fritzens Vater, der alte Friedlin, hat den beiden seinen Segen gegeben und so waren sie ein Paar geworden. Eines der ersten Paare in der neuen Kirche in Tegernau, gerade wiederaufgebaut auf den Ruinen der alten. 
Anderthalb Jahrzehnte sind seither ins Land gezogen seit fern im Norden der Frieden geschlossen wurde. Die Bauern und Handwerker haben die Entbehrungen des Krieges überwunden. Die nächste Generation übernimmt gerade die Höfe, Schmieden, Mühlen und Wagnereien. Häuser, Ställe und Scheunen werden erweitert, neue gebaut. Die Sägewerke haben Aufträge weit ins neue Jahr. Viel Arbeit wird auf Fritz zukommen, nachdem sein Vater zu alt geworden ist um mit zum Einschlagen zu gehen und die Pferde zu führen. Das Flößen hat er schon lange aufgegeben und auch Fritz hat es den jüngeren Männern ohne Familie überlassen die gefährliche Fahrt über die kleine Wies und die große Wies hin nach Basel anzutreten. 42 Lenze zählt er jetzt und seine Eva erwartet ihr viertes Kind für den Sommeranfang.
Anfang Dezember war der Heilige Ruprecht zum Haus gekommen und hatte den Kindern Äpfel und Schnitzwerk gebracht. Der kleine Matthias war mit seinen drei Jahren das erste Mal vor dem Mann mit der Holzmaske und dem Hirtenstab gestanden und hatte das Urteil über sein Betragen gehört. Brav und still war er nicht gewesen, anstrengen müsse er sich und der Mutter keinen Kummer machen. Sein älterer Bruder Fritz kannte diesen prüfenden Besuch schon und hatte übers Jahr alles getan um nicht noch einmal Bekanntschaft mit dem Stab zu machen. Matthias blieb diesmal die ganze Härte des Urteils erspart, war er doch nach mehreren Fehlgeburten auf die Welt gekommen und seiner Mutter ganzer Stolz. Die Älteste, Anna, wusste schon, dass sich hinter der Holzmaske der Josef versteckte, Knecht des Gerbers vom Fluss in Wies, dem größten Ort im Tal. Er war ein begabter Schnitzer, der nicht nur die Holzmasken, sondern auch die Spielzeuge für die Kinder mit seinen großen Händen schuf.
Der Vater war mit einer seiner Ziegenwürste am Mittag zum Josef gegangen, um ihn für den Ruprecht und die Schnitzereien zu entschädigen. Schon lange und bei Tag wollte er zurück sein, doch der Gerber Jakob hatte noch einen Umtrunk ausgegeben und noch einen und noch einen. Josefs Herr war auch Fritzens Ohm und Götte, feierte mit den beiden einen schönen Auftrag. Noch einmal soll er Pergament für das Kloster in Sankt Blasien liefern. Hatte er doch befürchtet dieses schöne Zubrot ganz und dauerhaft zu verlieren, nachdem Papier das alte Material verdrängt hatte. Josef hatte nicht wie andere Gerber diese Kunst aufgegeben, sondern weiterhin für die Fenster der armen Bauern, Stuhllehnen und Schranktüren das lichtdurchlässige Leder gegerbt. Reich wurde er nicht damit. Aber satt essen konnte sich seine Familie und die Bäume am Fluß, an der kleinen Wies, lieferten nicht nur einen guten Most, sondern auch einen leckeren Obstbrand. Dem hatte man nun gut zugesprochen. Zu gut.
Fritz hatte über das Kloster gelästert und der Ruprecht Josef zusammen mit seinem Ohm hatten ihn zum Tragen einer dämonischen Maske verdonnert und auf den Heimweg geschickt. Mit klarem Kopf hätten sie ihn in der Gerberei bis zum Morgen behalten. Nun war er mit dem schwachen Licht der kleinen Holzlaterne im tiefen Schnee unterwegs. Die Maske am Bart festgefroren, kaum etwas durch die Augenlöcher zu sehen und jetzt war er auch noch gestürzt. Der Schnee so wunderbar weich und bequem, da konnte man doch gleich an Ort und Stelle einschlafen. Sich einrollen, in den Schnee an der Seite des Wegs drücken. So müde, so einschläfernd das gleichmäßige Pfeifen des Windes. Gut' Nacht.
Ah, was ist das. Unwetter, Gicht, Podagra, die Pest, der Weltuntergang, ein lautes Getöse wie von zusammenstürzenden Bergen und Blitze, die Erde bebt. Nein, eine Riesin die Blitze schleudert, ist es. Die Nachtschattenhexe ist gekommen ihn zu holen. Langsam sieht er durch die Maske klarer, es ist seine Eva mit der Stalllaterne. Anna hatte auf den Vater wartend sein Licht gesehen, es verharren und verlöschen und die Mutter alarmiert. Nun schleppten sich die zwei Richtung warme Stube, zu retten das Leben aller, die ohne Ernährer grausamem Schicksal ausgeliefert wären. Die schwangere Eva und der betrunkene Fritz, sie schaffen es in die rauchige Stube. Der harzige Geruch, die Wärme, es ist das Paradies auf Erden. Die Kinder sitzen im Bettkasten und schauen ängstlich auf den seltsamen Vater und die vor Angst wütende Mutter. Gestern waren sie alle in der Weihnachtsmesse gewesen, die Eltern hatten laut und schön gesungen, der Mesner auf der Drehleier gespielt, es war so schön gewesen. Zu Hause hatte es ein Festessen gegeben, den gefüllten Ziegenmagen, dessen Rezept die Mutter aus ihrer Heimat mitgebracht hatte. Und jetzt lag der Vater am Boden und die Mutter heulte.
Mit Annas Hilfe schafft sie es ihren Mann aus Stiefeln, Jacke und Hose zu schälen, nur die Maske ist festgefroren und lässt sich nicht lösen. Erst langsam taut das Eis zwischen Holz und Gesicht, der Vater ist schon lange eingeschlafen als Eva die Maske abnimmt und starr vor Schrecken auf das blaue Gesicht starrt. Sie kennt den Anblick von ihrem eigenen Vater, der an Schnee und Eis so manchen Zehen, so manches Fingerglied verlor. Wenig Hoffnung hat sie, Narben würden ihn entstellen, aber sie versucht es. Kocht einen Getreidebrei, mischt ihn mit der Minze aus der letzten Sommerernte, streicht ihn noch warm auf die dunkle Haut. Erschöpft schläft sie neben ihm ein. Am Morgen erwacht sie als erste, will ihren Mann wecken, sehen wie er die grausame Nacht überstanden hat. Er lebt, doch er ist heiß von Fieber, scheint noch betrunkener als am Abend zu sein. Schlecht genährt, geschwächt vom Winter, nach einem Leben voller Entbehrungen hatte sein Körper kaum noch Kraft zu kämpfen. Risse durchzogen das erfrorene Fleisch der Wangen, Blut färbt die Reste des Breis rot.
Eva kämpft um ihren Mann, pflegt ihn, wäscht die Wunden, aber vergebens. Der Wundbrand erfasst seinen Kopf und ohne wieder zu klarem Gedanken zu kommen stirbt Fritz am 11. Januar 1663 südlich von Demberg im Tal der kleinen Wies.
Der vom schlechten Gewissen geplagte Oheim, kümmert sich um die Familie und vermittelt eine Ehe zwischen Eva und einem Witwer aus dem Ort, bezahlt die Mitgift und das Zehrgeld für die vier vaterlosen Kinder.

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