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Engelbert Humperdinck, Hänsel und Gretel - Oper am NTM


In der Zeit um Weihnachten spielen die staatlichen Bühnen landauf, landab gerne Stücke von denen sie annehmen sie wären attraktiv für Kinder. Oder genauer gesagt, von denen die Omas und Opas, die Onkel, Tanten und Eltern denken sollen, das wäre ein Stück um mit den Kindern rein zu gehen.

Damit wären diese Stücke eine hervorragende Gelegenheit junge und jüngste Kinder an die Hochkultur heranzuführen, sie dafür zu interessieren, sie richtig scharf zu machen. Und was passiert, genauso regelmäßig wie Weihnachten kommt und diese Stücke, genauso regelmäßig wird es in den Sand gesetzt. Man irritiert die Kinder und verschreckt sie - und wundert sich dann warum die Zuschauer immer älter werden.

Auch diese Inszenierung von Hänsel und Gretel gehört in diese Kategorie. Es ist keine neue Inszenierung, die diesmal auf dem Abo-Plan stand. Die Märchenoper von Egelbert Humperdinck hatte ihre Premiere vor über 40 Jahren am 28. November 1970 und wurde in Mannheim zum 280sten Mal gegeben. In der ersten Spielzeit hatte ich schon ein Mal Gelegenheit das Stück zu sehen. Ich war damals schon Jugendlicher und es war bei weitem nicht meine erste Oper, man meinte damals mir den Besuch schenken zu müssen. So wird es auch heute vielen der Kinder gegangen sein. Ich hatte wie viele andere Besucher der Vorstellung auch Gelegenheit die Fragen der Kinder, ihre Reaktionen und ihr Rätseln mit zu erleben. Was heute auch intensiver und hörbarer stattfindet als vor über vierzig Jahren.

Dass ich mich in den über vierzig Jahren geändert habe war mir klar, dass sich die Welt geändert hat auch, wie stark und vielfältig sich das auf eine Inszenierung auswirkt war mir jedoch noch nicht klar. Aber ich ahnte etwas und tauschte deshalb auch nicht wie viele Abonnenten um, sondern besuchte die Vorstellung am späten Sonntag-Nachmittag. Ideale Zeit für Kinder zwischen 5 und 10, man kann ihnen als Belohnung einen  anschließenden Besuch im Lieblingsrestaurant versprechen. Da sitzen wir jetzt im fast ausverkauften Haus , die Türen schließen sich und das Licht erlischt. Unter Beifall betritt der Dirigent den Raum, das Stück beginnt. 

Humperdincks emotionales Vorspiel ist ein Genuss - für gestandene Opernbesucher. Für Neulinge ohne Erklärung von Sinn und Zweck eines Vorspiels im Dämmerlicht wird die Geduld schon strapaziert, nichts passiert, nur Musik, kein Text, keine Handlung. Damit überfordert man schon zu Beginn sowohl Sitzfleisch wie kognitive Rezeption der Kleinen. 

Dann öffnet sich der Vorhang, was sehen wir Menschen des Jahres 2012? Eine rustikale Landhausszene, könnte aus der Bildstrecke eines erfolgreichen Magazins stammen. Ein Mann und eine Frau in seltsamer Tracht sitzen da. Einige Kinder brauchen den halben Akt um zu verstehen, dass das Hänsel und Gretel sein sollen, kommen erst mit als Hänsel die Gretel mit ihrem Namen anspricht (ansingt). An dieser Stelle wird mir klar, nicht nur ich bin heute ein anderer Mensch, die Kinder von heute sind nicht mehr Kinder des Jahres 1970. Die Kinder von heute haben einen anderen kulturellen Kontext, verstehen schon diese Ebene des Stückes nur schwer. Der enthaltene Subkontext erschließt sich ihnen gar nicht. Selbst die frühere pop-kulturelle Ebene der Volkslieder wie "Suse, liebe Suse" wird von den meisten unter 30 nicht mehr zugeordnet oder gar erkannt. Viele kennen das Märchen auch nicht in der Schriftform, sondern nur eine der Film- oder TV-Bearbeitungen, sie haben dann sogar Probleme die Handlung nachzuvollziehen. 

Ohne diese grundlegenden Ebenen des klassischen Märchenstoffs, der Volksliedtradition und der Bedeutung der Figuren und Symbole erschließt sich auch nicht das Spiel des Komponisten mit denselben und seine hochkulturelle Umsetzung in der Musik. Statt einen sanften Zugang, Verständnis und Akzeptanz zu wecken errichtet man eine Mauer, die Musik wird zum Soundtrack, zur Klangkulisse. Dann verhindert sie auch passagenweise jede Möglichkeit die Sänger zu verstehen, selbst wenn sie einmal klar artikulieren sollten. In der Pause rätselt eine Besucherin ob die Mutter von Hänsel und Gretel in italienisch oder französisch gesungen wurde und vermisst die Übertitel. Ich hätte mir fast das Lachsbrötchen mit einem Facepalm an die Stirn geklebt, hatte dann aber Verständnis für das Missverständnis.

Dazu kam noch, dass das NTM heute sein Orchester anders platziert, die Bläser alle zur Linken des Dirigenten sitzen, die Geigen frontal vor ihm und auch im Gegensatz zu den Bläsern noch eine ordentliche Besetzung haben. Gerade den Violinpassagen Humperdincks haben die Sänger nur wenig entgegen zu setzen. Hier wäre eine andere Gewichtung oder eine Schrumpfung auf ein Kammerorchester angesagt gewesen. Wenn dann zu Ende des zweiten Aktes die Engel herabsteigen um die Kinder im Schlaf zu bewachen und dazu Sphärenklänge erklingen, die Engel Lauten, Harfen und Posaunen mit sich führen, dann fragt man sich warum nicht mindestens eine Harfe aus dem Orchestergraben zu hören ist. Hat die Harfenistin ihren Einsatz in der Cafeteria verpennt? Oder wurde sie vom Rest des Orchesters an die Wand gespielt? Die Musik war schön und hörenswert, aber oft hatte man das Gefühl im Graben wird ein Konzert gegeben und parallel dazu versuchen ein paar Sänger verzweifelt eine Pantomime abzuliefern.

Dass die Figur der kinderfressenden Hexe ein Vorbild in der Baba Jaga hat, dass popkulturelle Ikonen wie Soylent Green auf die Lebkuchen zurückgehen und der Pasteten-Backofen in Sweenie Todt in Umkehrung der Verhältnisse das Pärchen zu den Tätern macht, all dieser Subkontext erschließt sich den Kindern nicht. Muss er auch nicht, aber die brutalen Teile, die dem erwachsenen Besucher diese Assoziation bieten könnten, wurden gnadenlos kastriert. Die pyrotechnischen Effekte der Hexenszene haben sich ins Nichts aufgelöst, die leidende Armee der gebackenen Kinder-Lebkuchen verschwindet ohne Erklärung im Hintergrund und die Überwältigung der Hexe findet als suizidaler Sprung derselben in den Ofen statt. Da geht es im Kasperle-Theater brutaler zu, wenn der Polizist das Krokodil schlägt.

Wenn man versucht eine Inszenierung zu konservieren und sie mit Streichungen unterschiedlichster Art am Leben zu halten versucht, dann geht das genauso in die Hose wie das Retuschieren von Colts in Western-Comics - der Indianer fällt dann ohne Anlass tot vom Pferd und die Kinder fragen wo die Stroke-Unit bleibt.  Und Kinder aus dem Hort, die sich am Ausmalbogen im Programmheft-Faltblatt erfreut hätten, waren nicht zu sehen. Selbst vor 40 Jahren hat man damit Kinder nicht hinter dem Ofen hervorgelockt, da sitzen sie nämlich schon seit über hundert Jahre nicht mehr. 

Wie sagte ein Junge beim Herausgehen: "Es war wirklich nicht so schlimm wie Zahnarzt, aber dafür viel länger." Für ältere Zuschauer hätte es wenigstens ohne ungeduldige Kinder eine museale Rezeption wie andere angegraute Inszenierungen, bis hin zum Parsifal, sein können. So war es für diese beide Gruppen nur ein eingeschränkter Genuss. Allein unbedarfte Begleiter aus der anfangs genannten Gruppe von Opas usw. hatten das gute Gewissen ihre Kinder und Enkel mit Hochkultur und der Oper bekannt gemacht zu haben. Ich drücke es jetzt einmal derb aus, das war ein Griff ins Klo. Das Stück sollte man zu anderen Jahreszeiten, fern von Nikolaus, Weihnachten oder Ostern ansetzen und klar machen, dass man sich an eine ältere und kulturerfahrene Klientel richtet. Oder das Stück mit einem stützenden Rahmen versehen, Anleihen bei der Museumpädagogik nehmen, in einen Kasten verfrachten und mit erklärenden Übertiteln, Icons und vielleicht einem Erzähler garnieren. Die Fragen der Kinder sind vorhersehbar, man könnte sie vorauseilend beantworten und sie so am Zauber der Musik teilhaben lassen. 

Wenn hier Eltern, Großeltern und andere Schenkende lesen, unterfordert eure Kinder nicht. Die sitzen vor dem Fernseher, kennen Hollywood-Blockbuster und Pixar-Animationsfilme, spielen Computerspiele und kennen das Internet, denen könnt ihr mehr zumuten. Die erste Oper, die wir mit unserer Tochter besuchten, war Don Carlos von Verdi in italienischer Sprache. Sie ging bereits in die Grundschule und war überwältigt. Von da an gehörte die klassische Musik zu ihrem Leben. Das hatte einen Wow-Effekt und konnte nicht nur mit dem TV konkurrieren, nein, das war live, echte Leute, echte Musiker, das war besser. Und das archaische Geschehen, so brutal es war, ist in ähnlicher Form in den Tagesnachrichten immer präsent und verständlich.


Und jetzt zum Schluss die Kritik an den Mitwirkenden dieser 280. Aufführung. Die musikalische Leitung dieses, wie so vieler anderer musealen Stücke am NTM, hat der 1. koordinierende Kapellmeister des Hauses Joseph Trafton inne, der mit sicherer Hand das Orchester führte. Ein Genuss der soliden Art, der allein den Besuch wert wäre, wäre, siehe oben. Dazu kommt noch der Bariton Thomas Berau, der mit gewohnter Brillanz und Akkuratesse den Vater von Hänsel und Gretel sang und spielte, klar zu verstehen, sicher in der Intonation, eloquent in der Darstellung, da hatten auch die Kinder ihre Freude. Als Gast sang Katharina von Bülow wie schon öfters den Hänsel, stimmsicher und meist gut artikulierend. Über den Rest schreibe ich soviel wie von ihnen zu verstehen war.


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