Richard Wagner, Siegfried - Oper am NTM


Ein Ring schließt sich langsam, am Nationatheater Mannheim konnte im Dezember letzten Jahres der dritte Teil Premiere feiern und wurde Sonntag Abend zum vierten Mal gegeben. Richard Wagners Siegfried ist wie die anderen Teile ein vielstündiges Monumentalwerk, das Sänger, Musiker, Theatertechniker und Zuschauer bis an die Grenzen fordert. Deshalb wird diese Kritik auch nicht am gleichen Abend, sondern erst am Folgetag fertig. Die Zeiten, bei denen man in der Mannheimer Oper einschlief und ausgeruht nach Hause ging um eine Kritik in den Blog zu setzen, die sind schon lange vorbei. Dafür trifft man wieder "jüngere" Besucher, die das Greisenalter noch nicht erreicht haben, im Publikum an. Rein subjektiv ist es wieder si gut besucht wie zuletzt vor fünfundzwanzig Jahren. Ja, ich gehe dort schon länger hin, nächstes Jahr wird das halbe Jahrhundert voll. Nicht jeder bringt diese Erfahrung mit, nicht jeder hat schon hunderte von Aufführungen gesehen.

Aus diesem Grund will ich zuerst etwas mehr zum Stück sagen, auch wenn es scheinbar ein allseits bekannter Klassiker ist - ein verstaubtes Denkmal. Ist er das, der Siegfried, genauso wie das Genre Oper an sich, verstaubt, gestrig, langweilig, anstrengend und unzeitgemäße Musik? Das mag für manche Opernhäuser und Aufführungen stimmen, die sind museal und lohnen sich oft trotzdem. Dann gibt es eine archäologische Erfahrung und Aufführung zu erleben, einen Besuch im akustischen Museumsdorf. Aber hier in Mannheim, wie sieht es hier aus, dieses Denkmal einer Oper, dieser dicke Brocken eines selbst zum Mythos gewordenen Wagner? Da gibt es die Klischees, den Nazi-Ballast, das Teutsche, den sprichwörtlichen Bombast, dazu kommen Berichte über sich endlos hinziehende gesungene Dialoge ohne wirkliche Handlung, kurz zusammengefasst, die Opern aus Wagners Ring stehen im Ruf schwerverdauliche Kost zu sein, die auch dem Publikum viel abfordern, physisch und psychisch. 

Dazu kommt, dass sich die Handlung in wenigen Sätzen zusammenfassen lässt. Es geht um Halblinge, Nachfahren eines Gottes, die sich in Werwölfe verwandeln können und berserkerartige Kräfte haben. Ein Geschwisterpaar aus dieser Sippe betreibt munter Inzest und zeugt einen naiven, tumben Superhelden, überlässt ihn seinem Schicksal und einem Zwerg als Ziehvater - das ist Siegfried. Der lässt sich durch eine Intrige Wotans von seinem Ziehvater beschwatzen den Nibelungenschatz zu erobern und dessen Wächter (einen Formwandler) zu besiegen, die Tat gelingt und seine Superkräfte erhalten Zuwachs. Er versteht nun die Sprache der Tiere und folgt dem Geschwätz eines Vogels um eine mythische Frau zu erobern, die ebenfalls ein Halbling und Nachfahre Wotans ist. Mit der Begegnung der beiden Überwesen endet das Stück und der Inzest steht vor einer neuen Runde. Nein, ich habe jetzt nichts verwechselt, da ist nichts von Stan Lee oder Tolkien, Siegfrieds Nachname ist nicht Beutlin und Orks kommen auch nicht vor. Das ist alles original Wagner und von diesem aus alten Sagen und der Volkskunde zusammengebastelt. Genauso wie es die Marvel-Autoren und der Gollum-Schöpfer ebenfalls gemacht haben. Allerdings nicht mit Comiczeichnungen oder epischen Dialogen garniert, sondern aufs Wesentliche reduziert und mit entsprechender Musik aufgeladen. Die ganze Sagengeschichte dient nur als Plot um möglichst viel düstere und bombastische Musik unterzubringen. Auch die handlungsarmen Strecken sind nur die breite und elegische Kulisse für die emotional aufgeladene Musik.

Das ist auch der Grund, warum man sich Wagners Werk aussetzen sollte, egal aus welcher musikalischen Geschmacksecke man kommt. Unsere Lebenszeit ist zu schade um immer die gleiche Musik zu hören. Trotzdem werden manche Titel in Playlists aufgenommen und vielfach rundlaufen gelassen. Abwechslung ist etwas anderes. Und komplexe Klangerzählungen über Stunden sind eine Herausforderung, aber mal ehrlich, wäre ein Fußballspiel interessant, wenn es nur aus einem Elfmeterschießen bestehen würde? Und Wagner ist bei der Oper die Champions-League mit doppelter Verlängerung und ohne Golden Goal. Eine andere Frage ist es, ob es eine Inszenierung einfach macht einen Zugang zu finden und die epische Musik auch zu verstehen  nicht nur sich vom Bombast endlos zudröhnen zu lassen. 


Bei dieser Inszenierung hat der Regisseur Achim Freyer an mögliche Einsteiger gedacht - auch wenn dies der dritte Ring-Teil ist, er hat bis jetzt die niedrigste Schwelle für Neulinge. Reduzierte und überschaubare Handlung, die Musik ist am wenigsten extrem und konsumierbarer, nicht zuletzt ist es eine Coming-of-Age-Geschichte von zeitloser Aktualität, die Suche des naiven Jugendlichen nach dem Sinn des Lebens und die Lösung von der Vaterfigur. Ein teutscher Verschnitt von "Catcher in the Rye" und Spiderman. Ja, Siegfried wird vom Formwandler Fafner genetisch infiziert und verändert sich, er wird zum Dragonman ganz ohne Dragonballs. Das Stück wird dadurch entstaubt, zeitgenössisch interpretierbar und genießbarer. Weg mit der Mottenkiste, her mit "Nibelungen Wars III - Imperator Wotan schlägt zurück".

Und wie ist nun die szenische Leistung der Beteiligten in Mannheim? Jürgen Müller als Siegfried hat wegen einer Erkältung um Entschuldigung bitten lassen, dass er indisponiert sein könnte, aber trotzdem ohne Einschränkung seine bewährte Leistung abgeliefert und sichtlich Spaß an dieser infantilen Siegfried-Figur. Chapeau. Karsten Mewes als Alberich ein Genuss, da wünscht man sich Wagner hätte der Rolle mehr Raum gegeben. Thomas Jesatko als Wanderer bot über alle Aufzüge ganz große Oper. Auch über die anderen Parts kann man nicht lästern und dass Uwe Eikötter als Mime den undankbarsten Teil hat und zum Schlussapplaus nicht mehr da war, hat mich einen Moment daran denken lassen zum Schlussapplaus noch ein paar "Uwe, Uwe ..." Rufe anzubringen. 

Die Kostüme entsprechen der Kontinuität des Gesamtprojekts und bringen die spezielle Stilisierung der Zwerge und anderer Figuren erneut gut auf die Bühne. Achim Freyer schafft hier eine konsistente Klammer zu seiner Ring-Inszenierung, der er eine entsprechende Bühne zur Seite stellt. Er greift die Möglichkeiten der Mannheimer Dreh- und Hub-Bühne auf und ergänzt sie mit Licht- und Video-Projektionen zu einem imaginativen Raum für die Inszenierung. Hier setzt er für jeden Teil einen individuellen Akzent, der beim Siegfried dem Thema des kindlich naiven Helden gewidmet ist. Die Ästhetik ist zeitgenössisch akzentuiert und greift Elemente der Manga-Ikonik auf, Siegfrieds Clown-Kostüm zitiert Bild-Elemente von japanischen Anime-Helden bis hin zur Figur des Baron Samedi und ist gleichzeitig ein ironischer Spiegel des Ziehvaters Mime. Auch hier entwickelt die Inszenierung die vielfältigen Metaebenen der Wagner'schen Vorlage in die Tiefe ohne intellektuell verkopft in Langeweile zu versanden. Nie gibt es eine handlungsfreie Passage, Musikstellen ohne Gesang und große Handlung werden ironisch und unterhaltsam gefüllt. Leider ist es noch nicht etabliert und Konvention mitzusingen, Feuerzeuge leuchten zu lassen oder Reis zu werfen, diese Aufführung böte Anlass dazu Wagner vollends in der zeitgenössischen Pop-Kultur ankommen zu lassen ohne die Kraft seiner Musik zu verwässern. Und da sind wir auch schon beim Orchester.

Zum NTMO unter Dan Ettinger gibt es inzwischen viel zu sagen. Im Gegensatz zu seinem Kurzzeit-Vorgänger hat Ettinger sich hervorragend mit den Einschränkungen und Besonderheiten des Mannheimer Hauses befasst und eine optimale Lösung gefunden. So setzt er auf die Furtwängler-Aufstellung statt der gebräuchlichen amerikanischen Orchester-Aufstellung oder der früher üblichen deutschen Aufstellung. Dies kommt der eigentümlichen Akustik des Nachkriegsbaus entgegen und zusammen mit einer Selbstbeschränkung bei den Bläsern entsteht ein ausgewogenes Klangbild, das auch den Sängern eine Chance gibt Gehör zu finden. Den Kraftakt der mehrstündigen Aufführung, die zwar den Sänger größere Pausen bietet, aber gnadenlos zu den Musikern ist, meistern sie mit Bravour. In großer Besetzung liefert es eine große Vorstellung, reif für einen Mitschnitt - in einem Saal mit besserer Akustik.


Als ich heute morgen das Programmheft sah, fiel mir noch der Kalauer ein, dass das Stück schon etwas von Sieg Fried Chicken hatte, verdauliche Häppchen, lecker, liegen nicht schwer im Magen, aber Liebhaber der traditionellen und schweren Küche nach Gutsherrenart könnten ein Problem haben hier mit den Fingern zu essen und locker und unbeschwert zu genießen. Mir hat es geschmeckt, keine Nachwirkungen, keine düster depressive Stimmung, nein, es bleibt heiter in Erinnerung.

Und besonderen Dank für die deutschen Übertitel bei deutschem Libretto, keine Selbstverständlichkeit. Auch wenn diesmal die Sänger eine klare und verständliche Artikulation ablieferten, für unerfahrene Opern-Besucher ist es immer eine hilfreiche Unterstützung und Entlastung zu wissen was läuft.

Vier von vier Daumen hoch.




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