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Theresia Walser, Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel - Schauspiel am NTM


Am 12. Januar 2013 war die Uraufführung des Stückes am Schauspiel des Nationaltheater Mannheim. Heute war die vierte Aufführung, letzte Unstimmigkeiten in der Inszenierung von Burkhard C. Kosminski müssten dem Schleifstein der Routine zum Opfer gefallen sein. Auch die Publikumsreaktionen sollten inzwischen bekannt und für die Darsteller erwartbar sein. Und so war es auch, die Aufführung lief rund, routiniert und ohne Ecken und Kanten. Das hat diesen wunderbaren Effekt, dass man vergisst im Theater zu sitzen, zuzuschauen und ganz von der Handlung, vom Stück, vereinnahmt wird. Dies war einer der Theaterabende, an denen man tatsächlich den verkörperten Kunstfiguren begegnet und nicht nur ihren Darstellern auf der Bühne. Gerade wenn wie heute Abend auch noch ein Protagonist die Bühne in Beschlag nimmt, der im Besetzungszettel nicht erwähnt wird. Spoiler: Erich Honecker (Wer sich die Pointe verderben will, markieren).

Gerechnet hat man mit den drei Tyrannen-Gattinen, wie es das Programm umschreibt, oder auch Ehefrauen der großen vaterländischen Führerfiguren, wie es Fans derselben formulieren könnten. Begleitet wird das Trio von dem Dolmetscher, der nicht nur die Pressekonferenz übersetzen soll, sondern seinen Service auch den drei Damen vom Exil für deren Small Talk zur Verfügung stellt. Mit dieser Personenkonstellation schafft Walser ein Tableau für vielfältige Situationskomik, die sich einerseits aus den Uminterpretationen des Dolmetschers, andererseits aus den Lebensansichten der drei Frauen ergeben. Wobei einem mancher Witz auch im Hals stecken bleiben könnte, wären nicht auch die Originale der Drei auf tragische Weise Witzfiguren.

Da gibt es Imelda, die Frau mit den Dreitausend Schuhen, grandios dargestellt von Anke Schubert, die der Grand Dame der Diktatorengattinen genau die Ambivalenz von Arroganz und Bodenständigkeit verpasst, die man dem Original nachsagt. Damit ist sie auch zentrale Figur und Anker des Stücks, unberührt von den Widrigkeiten des Schicksals, den Wendungen des Stücks, da sitzt sie und kann nicht anders. So grandios, dass es glaubhaft wird, dass dieses Leben eine Oper ist. Eingerahmt wird sie von der quirligen Neu-Ex-Diktatoren-Gattin, Frau Leila, aus Tunesien, die ihre Eiscreme von der anderen Seite des Mittelmeers einfliegen lässt und nur Wasser aus kanadischen Wäldern trinkt. Das Wasser aus den Flüssen in denen die Lachse schwimmen, die Bären baden und in das die Elche pinkeln. Ihr Mann steht in Holland vor Gericht, wogegen die anderen beiden Witwen sind. Sabine Fürst gibt dieser Äffin den Zucker und die Präsenz, lässt eine Figur präsent werden bei der die Ambivalenz aus abgehobenem Lebensstil und westlich akademischer Bildung sichtbar wird. Nie die Grenze zur Hektik und zum Klamauk überschreitend zeichnet sie trotzdem die Karikatur einer Herrscherinnen-Gattin, wie man sie vor dem Arabischen Frühling im Rudel antreffen konnte. Die dritte im Bund gespielt von Ragna Pitoll, ist Margot, die Witwe von Erich, der nicht aus seinem Land vertrieben wurde, sondern dessen Land gar nicht mehr existiert. Dieses nicht mehr existierende Land ist auch die Heimat des Dolmetschers Gottfried, dem Sven Prietz Existenz und Tiefe verleiht. Die Neudefinition der Margotschen Kommunikation durch den Dolmetscher Gottfried ist der rote Faden des Stücks. Margot ist die Frau, für die ihre politische Rolle nie endete und die auf Abruf sitzt um wieder ihr Land zu führen. Das Land, das dem Dolmetscher Gottfried die Jugend versaut hat.

Walser entwickelt hier drei Archetypen der Weltfremdheit, der Blasenbewohnerinnen, liefert damit ein Stück, das neben der komischen und der kritischen Seite auch noch eine Metaebene hat, auf der sich der im Innersten korrumpierbare Mensch präsentiert. Absolute Macht, grenzenloser Reichtum und Selbstverformung zur Ikone, zum Klischee, machen aus diesen Frauengestalten tragische Heldinnen einer Epoche in der die Menschen in Führergestalten und zu führende Massen eingeteilt wurden. Eine Zeit in der den Menschen im Allgemeinen das Recht auf Selbstbestimmung und jene, heute als universell bezeichneten, Menschenrechte verwehrt wurden. Eine Zeit in der der Zweck die Mittel heiligte. Eine Zeit, von der man auch weiß, dass sie nicht überall vorbei ist. Das sind die Momente in denen einem das Lachen nicht so leicht fällt, wenn man an die noch lebenden und in Amt und Unwürden befindlichen Epigonen denkt.


Die klischeehaften Frauen demonstrieren ihr Klischee vom Volk, das sie verstoßen hat. Und Schubert, Pitoll und Fürst geben diesen Klischees ein dichtes und präsentes Leben auf der Bühne. So dicht und kurzweilig, dass 90 Minuten viel zu kurz sind und man gerne verweilen würde um noch mehr zu sehen und zu hören von diesem elitären Gruselkabinett. Und Prietz, der den lebenden Filter gibt, den Interpreter, den Sinn-Dolmetscher, der mit sich und seiner Rolle als Sprachrohr hadert, dessen Scheitern den Knalleffekt des Stückes liefert - eine großartige Darstellung, die der Rolle manchmal die Dimension eines Millerschen Willy Loman gibt. Der minutenlange Applaus war verdient, genauso wie die viel zu seltenen Bravo-Rufe. 

Die Bühne reduziert und stilistisch passend, die Inszenierung maßvoll und auf die Akteure ausgerichtet, lässt dies weder negative Kritik zu noch überschwängliche Begeisterung, gutes Handwerk, ein virtuelles Schulterklopfen an dieser Stelle. Zu den Kostümen jedoch ein Lob, verstärken diese stilsicher die Klischees der Figuren und stützen ihren Wiedererkennungseffekt. Ein Kompliment an Ute Lindenberg, sehr schön. 

Was soll ich als Zusammenfassung schreiben? Unbedingt reingehen, amüsieren, zum Nachdenken anregen lassen, Eindrücke mitnehmen, den Horizont erweitern, ach was, das ist Pop-Kultur, Hoch-Kultur und Kultur-Kultur auf einmal, was will man mehr von zeitgenössischem Theater. Und nicht denken, dass man in dreißig Jahren noch in eine Wiederaufnahme gehen könnte, die komische Seite ist zeitgenössisch und verliert sich wenn die Damen aus dem Gedächtnis geschwunden sind. Das geht schneller als diesen lieb sein wird.

Und wenn man bedenkt, dass die billigste Karte für diese Schauspielaufführung unter dem Preis eines Kino-Tickets zu haben ist - keine Ausreden! Nicht auf Last-Minute-Tickets spekulieren, die Aufführungen haben kaum Restkarten und sind an der Abendkasse zügig ausverkauft.


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