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Der einzig echte Knigge für Opern-Besucher


KULTURRATGEBER?

Sie waren noch nie oder schon lange nicht mehr in der Oper oder einem klassischen Konzert? Sie haben gehört, dass es sich dabei um Hochkultur-Veranstaltungen handelt, ein Genre, das ihnen völlig fremd ist? Sie genießen nur zuhause am Bildschirm? Keine Angst, es gibt eine Reihe von Verhaltensweisen die zu beachten sind.

  1. Kleidung: Legere Kleidung geht gar nicht, Sie müssen der Institution Oper oder Konzert und den auftretenden Künstlern maximalen Respekt erweisen. Sie gehen ja auch nicht im Trainingsanzug zu einer Beerdigung. Festliche Kleidung ist angesagt, zusätzlich mit wertvollen Accessoires aufgehübscht. Als Frau sollten Sie deutlich sichtbaren und auffälligen Schmuck tragen, damit setzen Sie Zeichen. Ein Must sind soviel Gold und Diamanten wie Sie auf der freien Haut unterbringen können. Maximieren Sie dazu das Dekolleté, tragen Sie einen weiten Ausschnitt. Und Männer, lasst das Etikett des Schneiders und Herrenausstatters am Ärmel, man soll schließlich sehen wie viel Ihnen Ihre Ausstattung wert ist und dass es keine B-Ware aus dem Outlet ist.

    So wertvolle Kleidung will geschützt sein, in Theatern und Opernhäusern gibt es viele alte Kostüme, Teppiche, Polster und Stoffe, da sind Motten nicht fern. Versäumen Sie nicht ihre Kleidung gut mit Mottenschutz auszurüsten. Je kräftiger, desto besser, sanfter Lavendel reicht da nicht, da muss schon die Chemiekeule her und lüften Sie die Kleidung nicht vor dem Kulturgenuss, dann verfliegt der ganze Schutz. Machen Sie die Geruchsprobe, kein Stechen in der Nase, kein Schutz vor den kleinen Stoffnagern.
     
  2. Körperpflege: Sie werden mehrere Stunden mit völlig fremden Menschen eng zusammensitzen, eventuell in einer schlecht belüfteten Loge. Es besteht die Gefahr, dass ihr Deo versagt oder Ihnen ein Darmwind entfleucht. Sorgen Sie vor, benutzen Sie ausgiebig Parfum, Eau de Toilette und Deodorant.  Und nicht oder, Mehrfachschutz ist angesagt. Männer vertraut nicht nur dem After Shave, auch der Axe Effekt ist begrenzt, es gibt Raumduft-Spray und Febreze, damit lässt sich zusätzlich der Sakko und die Hose absichern. Und die Damen mögen sich darauf vorbereiten, dass ein guter Tenor tiefe Gefühle mit seinem Gesang hervorrufen kann, da kann frau schon ins Schwitzen kommen - wasserfestes, kräftiges und dickes Make-up sorgen vor.
     
  3. Pünktlichkeit: Viele Opernhäuser, Theater und Konzertveranstalter pflegen die Unsitte schon anzufangen bevor alle Besucher im Saal oder gar eingetroffen sind. Die müssten doch wissen ob jeder, der eine Karte bestellt, reserviert oder gekauft hat schon da ist. Wir leben schließlich im Computerzeitalter. Wenn die Vorstellung bei Ihrem Eintreffen schon läuft ist das eindeutig die Schuld des Veranstalters. Also beherzt reinmarschieren und nicht erst auf eine Entschuldigung warten, dass man ohne Sie begonnen hat. Wenn Sie dann auf einen mittleren Platz müssen, denken Sie daran dass man den anderen Besuchern nicht einfach den eigenen Schambereich vor die Nase hält. Wenden Sie den Leuten den Rücken zu - dann versäumen Sie auch nicht die Ouvertüre, falls das Orchester schon spielt. Kennen Sie die Sänger und sind diese schon in Aktion reicht ein kurzes Winken als Begrüßung.

    Wenn Personal Sie vom Betreten des Saals abhalten will, werden Sie lautstark, sie haben schließlich Eintritt bezahlt - der heutige Abend ist einzigartig und kommt nie wieder.
     
  4. Telefon: Schilder und Hinweise, dass das Mobiltelefon auszuschalten sei, sind total veraltet und ohne jeden Sinn. Moderne Bühnentechnik wird genausowenig vom Handy gestört wie die Technik im Krankenhaus. Dort hängen die Schilder auch und jeder sieht wie der Oberarzt das Telefon in der Tasche stecken hat. Und wie sollen Sie ohne Handy den Verlauf der Vorstellung twittern? Das geht gar nicht, also Handy aktiv und voll in Aktion - lassen Sie die Welt an Ihrem Kulturerlebnis teilhaben. Schneiden Sie mit, streamen Sie live - mit Flatrate und LTE/4G Handy kein Problem. Und wenn jemand etwas von Bildrechten und Copyright sagt, weißen Sie ihn darauf hin, dass wir im Zeitalter von Kim-Dot-Com leben und nicht in dem von Kim-Il-Sung.
     
  5. Essen und Trinken: Der ersten Akte bis zur Pause sind meist länger als eine Stunde, sorgen Sie für Proviant, bringen Sie ihn mit oder kaufen sich im Foyer oder am Kiosk etwas Nahrhaftes. Und denken Sie daran, dort gibt es keine kleinen Klapptische wie im Fernreisezug oder Flugzeug. Bringen Sie einen Pappteller mit oder eine Alufolie. Da ihre Sitznachbarn im Dunkeln nicht sehen können, dass Sie jetzt eine kleine Zwischenmahlzeit einnehmen, verwenden Sie unbedingt eine knisternde oder raschelnde Folie - dann erkennt jeder, dass sie Essen auspacken und nimmt Rücksicht, damit Sie nicht versehentlich gestoßen werden und etwas verschütten oder herunterfallen lassen. Das gilt auch für Bonbons und Dragees, einzeln in Knisterfolie verpackt oder in der Knick-Knack-Blechdose ist Pflicht und hilft Unfälle durch unbemerktes Essen verhindern. Wenn dann das Bonbon im Hals stecken bleibt, wird keiner ihr Husten für eine Erkältung halten, sondern rechtzeitig das Heimlich-Manöver anwenden können. Sollte Sie bei einem Platznachbarn ein derartiges Husten beim Bonbon-Genuss feststellen und ein Verschlucken (med. Aspiratio) befürchten, so zögern Sie nicht, denn Gefahr ist im Verzug, unterbrechen Sie die Vorstellung mit lautem Rufen und fragen Sie ob ein Arzt im Haus ist. Die Betroffen werden Ihnen ihr Leben zu verdanken haben und sich ewig an Sie erinnern.
     
  6. Gespräche: Halten Sie es wie zu Hause vor dem Fernseher, lassen Sie andere an Ihren Gefühlen und Ansichten teilhaben. Der Mensch ist ein soziales Wesen, Kommunikation erhöht das Gemeinschaftsgefühl. Kommentieren Sie was Sie sehen und wie Sie es deuten. Diskutieren Sie über die Inszenierung und die Sichtweise der Regie mit Ihrer Begleitung. Im Austausch erfahren Sie interessantes über das Stück. Verlassen Sie sich nicht auf die Angaben im Programmheft, sparen Sie sich den Kauf. Diese Hefte sind nur für manische Sammler und Messis, die einen Beleg ihrer Besuche  horten. Genauso wie Werk-Einführungen vor der Vorstellung nur für Schulklassen gemacht werden, deren Lehrer zu faul ist das Stück im Unterricht vorzubereiten. Normale Besucher sind dort fehl am Platz, kommen Sie auf keinen Fall früher, es gibt bessere Methoden Zeit totzuschlagen. Sie können ja noch ein Fischbrötchen mit Zwiebeln essen und ein Bier dazu trinken. Das stärkt für die ersten beiden Stunden einer Wagner-Oper und macht fit über das Outfit von Wotan oder die Frisur der Sängerin zu lästern.

    Und sollten Sie ein kostenloses Programmheft bekommen oder eines herrenlos in der Pause auf einem Sitz liegen sehen, greifen Sie zu. Wenn Sie eine Taschenlampe oder ein Leselicht dabeihaben steht der Information während der Vorstellung nichts im Wege. Haben Sie nicht, Shame-On-You, geübte Opernbesucher haben eine Taschenlampe und Fernglas dabei. Schon um kontrollieren zu können ob der einzelne freie Sitz auf den man sich im dunklen Saal durchkämpft auch die richtige Platznummer hat.

    Eine Sonderform des Gesprächs ist das Mitsingen oder Mitagieren. Keine Scheu, gerade bei reichlich Orchesterbegleitung haben die Sänger manchmal Schwierigkeiten sich Gehör zu verschaffen. Singen Sie lautstark mit und zeigen Sie so Ihre Solidarität. Diese Bläser und Becken wird man doch gemeinsam übertönen können - schließlich kommt Konzert von concerto = Vereinigung - vereint Euch durch gemeinsames Singen. Und wenn auf der Bühne die Szenerie im Krieg spielt, verstärken Sie die Atmosphäre durch Entzünden von Feuerzeugen, Blitze mit der Handy-Kamera, vielleicht habe Sie noch Knallfrösche vom letzten Karnevalsumzug, all das verdichtet die Stimmung und schafft ein einzigartiges Live-Erlebnis.
     
  7. Verlassen des Saals: Hier gilt das Gleiche wie beim zu späten Eintreffen, mit der Karte haben Sie auch die Toilettenbenutzung bezahlt. Jeden kann jederzeit mal die Blase drücken, zu langes Halten schadet der Prostata.

    Und wenn die Vorstellung vorbei ist, entzerren Sie den Andrang im Foyer indem Sie möglichst noch vor dem Schlussapplaus den Saal verlassen. Sie werden feststellen, dass dann nicht das geringste Gedränge herrscht. Sie sind als erste an der Garderobe und am Parkplatz. Wenn das alle so machen würde gäbe es kein Warten und Drängeln. Der frühe Vogel fängt den Wurm.

    Und den Schlussapplaus, den können Sie sich gerne sparen. Die Musiker, Sänger und Darsteller sind Profis, die treten für Geld auf und arbeiten das nächste Mal genauso, egal wie viel Sie klatschen. Und wenn es Ihnen außergewöhnlich gut gefallen hat, rufen Sie einmal so laut Bravo, dass der Betreffende zu Ihnen schaut, dann zeigen Sie den aufgereckten Daumen und machen sich vom Acker. Man will ja nicht den Betrieb aufhalten und die Künstler wollen auch heim zu ihren Familien. Sollten Sie allerdings eingekeilt auf einem Mittelplatz nicht zum zügigen Verlassen des Saals kommen, wirken Sie mit,  organisieren Sie einen zügigen Applaus. Rhythmisches Klatschen im Marschtakt, regelmäßige Bravorufe und zusätzliche Begeisterung für Chor und Statisterie zeigen Ihre soziale Kompetenz. Jeder Beteiligte an der Vorführung verdient den gleichen Anteil, kompensieren Sie Ungleichgewichte durch eigenen Enthusiasmus. Gerade Chor und Statisterie werden traditionell nicht nur schlechter bezahlt, sondern auch mit weniger Bravo-Rufen bedient, gleichen Sie dies aus - zeigen Sie Kennerschaft und Gerechtigkeitssinn.

So vorbereitet steht dem Besuch von Oper, Konzerten und anderer Hochkultur nichts mehr im Wege. Viel Vergnügen beim Kulturgenuss! Yolo.

Und denken Sie auch an mich, rufen Sie laut nach dem Betreten des Veranstaltungssaals "Lämmerbiss", dann weiß ich womit zu rechnen ist und kann mir noch Hagens Speer aus der Requisite besorgen. Notfalls hat der Sanitäter reichlich Klebeband und große Pflaster in seinem Koffer.


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