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Sharr White, Der andere Ort - Schauspiel am NTM


Jetzt steh ich da, habe die Aufführung gesehen und halte die Erinnerung daran in dieser Kritik fest. Damit ich nicht vergesse was ich gesehen habe und wie ich darüber gedacht habe. Ein Stück, das sich um das Vergessen und Erinnern dreht, ein Stück, das sich mit der Demenz und den Reaktionen darauf beschäftigt. Jetzt werden Sie denken, was gibt er da von sich, er schreibt die Kritik doch für uns, die wir sie lesen, damit wir wissen ob es sich lohnt Karten zu besorgen. Nein, diesmal nicht, diesmal ist es eine Kritik gegen das Vergessen, Heute war die letzte Aufführung dieses Stückes am Nationaltheater in Mannheim, nachdem es im Oktober 2011 seine Premiere und deutschsprachige Erstaufführung erlebt hat. 

Hausregisseur und Schauspieldirektor Kosminski hat in seinem typischen Stil dieses Sprechstück in Szene gesetzt. Pointiert, sehr dicht und die anderthalb Stunden fesseln, packen und bringen einem das Thema nah. Nie geht es zu tief, verläuft sich im Detail oder schweift ab, dadurch entsteht keine Oberflächlichkeit. Banalität wird bei allem schwarzen Humor vermieden. Es können sowohl die Unbedarften als auch die Verzweifelten über die bizarren Seiten der Demenz lachen. Keine Peinlichkeit kommt auf.

Das ist auch die Leistung des Ensembles, allen voran Ragna Pitoll als Juliana. Juliana, die tragische Hauptfigur, die erfolgreiche Wissenschaftlerin mit dem Patent auf ein Anti-Demenz-Medikament, das für sie selbst zu spät kommt. Für diese Leistung gab es rauschenden Applaus, Bravo-Rufe und mehrere "Vorhänge". Thomas Meinhardt sehr überzeugend als Ehemann Ian, der erfolgreiche Krebsarzt, der besser mit einem Gehirntumor bei seiner Frau zurechtgekommen wäre und sich gegenüber der Demenz hilflos zeigt, nur in der Lage ist das nach Handhabung und Beherrschung der Situation zu streben. Auch er grandios in der Rolle des liebenden Angehörigen. Sabine Fürst als behandelnde Ärztin und auch in der Rolle der überfallartig konfrontierten Hausbesitzerin, die die Rolle der mitfühlenden Unbeteiligten gibt, die sich in die Gedankenwelt der Dementen einfühlen kann. Daneben Sven Prietz souverän in mehreren kleinen und mittleren Rollen auf die einzugehen manche Pointe und Volte spoilern würde.


Das Bühnenbild klar, steril und die Gefühlswelt reflektierend. Sind die Gedanken der Juliana am Anfang noch klar, hallen durch Klinik und Veranstaltungssaal, so gehen sie gegen Schluss im Rauschen des Regens unter. Auch die Schlusspointe am anderen Ort fügt sich in Bühnenbild, Darstellung und Handlung zusammen. Video Design, Kostüme und Musik sind tadellos und stimmig.

Deshalb tue ich mir schwer jetzt keine Empfehlung zum Besuch einer Vorstellung aussprechen zu können. Nicht weil die Aufführung diese nicht wert wäre, sondern weil es die letzte Aufführung in Mannheim war. Aber das Stück kann ich empfehlen. Sharr White nähert sich mit diesem zeitgenössischen Off-Broadway-Stück einem Thema, das jeden betreffen kann - ganz selbst oder als nahe stehender Mitmensch. Das Stück nähert sich leicht und beschwingt dem schweren Thema, schleicht sich mit seiner Handlung an, lässt nie Schadenfreude aufkommen oder verletzt die Würde der Protagonisten. Kein erhobener Zeigefinger, keine Überforderung, es hält uns einige Spiegel vor mit der Botschaft, dass wir uns irgendwann in einem davon sehen könnten. Es wäre zu begrüßen wenn es auch im Repertoire anderer Bühnen auftaucht. 

Deshalb, Intendanten, kein Wagnis, sondern ein Muss, ansetzen!

Trailer zur Mannheimer Aufführung:


Links zum Stück, seinem Autor und der originalen Off-Broadway-Inszenierung in den USA:
Und ein YouTube-Video zur amerikanischen Produktion:



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