Richard Wagner, Götterdämmerung - Oper am NTM


Der letzte Teil des Wagner'schen Ring, bei einer Fernsehserie würde man sagen es ist die Final Season, alle Charaktere sind bekannt, die Tiefen ausgelotet, man weiß dass es anschließend nicht weitergeht und Handlungsstränge und das Leben der Protagonisten einen Abschluss finden müssen. Etwas, das man im Englischen wesentlich vieldeutiger als Closure bezeichnet. Das Stück stammt noch dazu aus einer Zeit mit rigiden gesellschaftlichen Konventionen, mit denen es spielt, aus einer Zeit mit moralischem Anspruch, mit dem Wagner ebenfalls spielt. 

Wenn alle Teile der Mannheimer Inszenierung aus der Hand von Achim Freyer auch wie aus einem Guss wirken, die musikalische Leitung von Dan Ettinger einen frechen und jungen, wenig düsteren Wagner präsentiert, dann bietet dies nicht nur einen grandiosen Musikgenuss (den kann man mit Wagner immer haben, ob man ihn mag oder nicht), nein, hier bekommt man mehr. Unterhaltung, neue Sichten auf die Helden, pop-kulturelle Zitate und einen ironischen Blick nicht nur auf die Sittengeschichte heute und zur Entstehungszeit, sondern auch auf die fast anderthalb Jahrhunderte an Wagner-Rezeption.

Das alles lässt sich im Jahr 2013 auch nicht betrachten ohne Rückblick auf die Hitler-Zeit und den Wagner'schen Antisemitismus. Dabei muss der Antisemitismus in Wagners Werk und Briefen einerseits als das gesehen werden was er ist, eine intellektuelle Niedertracht, andererseits aber auch als Mainstream des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Eine Zeit in der vom Kaiser über Bismarck und Wagner bis hin zum Krämer an der Ecke und dem Hirten auf dem Land die große Mehrheit der Deutschen einen antisemitischem Zeitgeist angehörte. Antisemitismus war trendy, akzeptiert und Teil des Alltags. Und so wie wir heute mit Abscheu auf diesen Teil jener Epoche zurückblicken, so wird wahrscheinlich auch ein zukünftiges Jahrhundert auf unsere Zeit, mit der Rechtlosigkeit von Frauen in weiten Teilen der Welt, der Diskriminierung sexueller Orientierungen und vielen anderen offensichtlichen kulturellen Defizite mit katastrophalen Folgen, zurückblicken. Wagner war ein Mensch seiner Zeit, er hat sich in vielerlei Hinsicht nicht über sie erhoben, aber mit seinem Werk hat er die Musik beeinflusst, verändert, einen Fortschritt bewirkt und die permanente Auseinandersetzung von Musikern mit seinem Werk führt diesen Veränderungseinfluss fort und zeigt die Bedeutung seines musikalischen Werks. Deutlich wird dabei, dass er eben auch nur als Komponist  und Librettokonstrukteur herausragte und sonst als Mensch eher gewöhnlich blieb.


Auch daran merkt man, dass der aktuelle Mannheimer Ring ein zeitgenössischer ist, frei vom Dünkel früherer Jahre. Hier gibt es Antisemitismus und Rassismus nur als versteckte und ironische Anspielungen. Und in der Götterdämmerung wird deutlich, dass Hitler und seine Mittäter die Epigonen eines Hagen sind, der den reinen und naiven Helden Siegfried, die Verkörperung des deutschen Volkes, vergiftet, täuscht und in den Untergang führt. Und auch das naive Deutschland musste von anderen gerettet werden, wie Siegfried von Brünhilde, und in ein anderes zweites Leben geführt werden. Achim Freyer provoziert diese Sichtweise, gibt dem Hagen und Alberich alle Attribute der Faschisten mit auf die Bühne, lässt Alberich als Archetyp des Führers auftreten und der von ihm kommandierten Gibichungen-Garde mehr als nur einen Touch von SS-Standarte. Als Hagen gibt Christoph Stephinger einen diabolischen Materialisten, dem der Zweck jedes Mittel rechtfertigt und der Eigennutz Leitmotiv ist. Als Alberich zur Seite steht ihm Thomas Jesatko, der die Abgründe des Faschismus und Führerkults in die Zwergen-Figur bündelt. Beide gesanglich und darstellerisch sicher, ausdrucksstark und fesselnd, mit einer Präsenz die in Erinnerung bleibt.

Unterstützt wird diese inhaltliche Auseinandersetzung in der Inszenierung mit visuellen Elementen aus der Welt moderner Comics. So finden sich bei den Gibichungen und insbesondere der Figur des Gunther Anklänge an den Li'l Depressed Boy und in der Maske weitere an die Comic-Helden von Mike Mignola. Über die Anleihen bei der Manga- und Anime-Kultur habe ich schon in Besprechungen anderer Teile dieser Ring-Inszenierung ein paar meiner Worte verloren.

Der Ring wird damit zur Coming-Of-Age-Geschichte einer ganzen Gesellschaft, die durch Überwindung der Naivität und Täuschung das alte Establishment der Gierigen und Anbeter des Besitzes und der Macht überwindet und dessen Vernichtung herbeiführt. Nach und nach zerfällt die alte Macht, erst die Kontrolle des allsehenden (CCTV-artigen) Wotan, dann die paternalistische Indoktrination der alten Zwerge Mime und Alberich und die Verkörperung des Geizes, der Drache Fafner, der jeden Zugriff auf die angehäuften Reichtümer verhindert. Fafner, dessen Hort ein frühes Motiv kapitalistischer Hamsterei ist, ein Archetyp ähnlichen dem Money Bin des Scrooge McDuck (dt. Geldspeicher & Dagobert Duck). War Siegfried der naiv idealistische Revolutionär, den die alten Mächte zu instrumentalisieren suchten, so hat er sich gleich der Occupy Everywhere Bewegung verselbständigt und zu einer Kraft entwickelt, die durch ihre schiere Existenz systemverändernd wirkt. So wird der Tarnhelm zur Allegorie auf mediale Propaganda, die Stellvertreter für den Real-Deal verkauft, Brünhilde den Gunther sehen lässt obwohl dieser als Douchebag des Abends sich im Hintergrund verbirgt. Grandios gesungen vom Bariton Thomas Berau. Als Gutrune zu seiner Seite Cornelia Ptassek, die ihren Part sauber und präzise liefert.

Da der Tenor Jürgen Müller wetterbedingte stimmliche Probleme hatte, trotzdem unter Rücksichtnahme auf seine stimmliche Gesundheit den kompletten Part hörenswert und emotional berührend absolvierte, rückte die stimmgewaltige und beeindruckende Eva Johansson die Brünhilde als dominierende Persönlichkeit in den Mittelpunkt. Eine berechtigte Position im Zentrum der Götterdämmerung, sie vertritt die alten und ewigen Werte, die unveränderliche Moral und Ethik. Ihr fallen alle zum Opfer, die Macht und Besitz, Egoismus und Ignoranz über Liebe, Menschlichkeit und Mitleid stellen. Brünhilde, die das alte Establishment zerstört, für die Liebe auf die vor ihr liegende Macht und Herrschaft verzichtet, ein humanistisches Motiv der Kraft. Eine starke Frauenfigur.

Hier wird deutlich welche Kapitalismus- und Sozial-Kritik in Wagners Werk steckt, immer gesteckt hat. Welche Kritik an Herrschaftssystemen, Kontrollwahn und überkommenen Konventionen mitgeliefert wird, Achim Freyer zeichnet deutlich, prägnant und mit Erinnerungswert. Verständlich, aber nicht banal, drastisch, aber nicht überzeichnend. Nie peinlich, nie billig, dafür akzentuiert und aktuell. Das ganze Stück in einer Bühne, die einen imaginären Raum schafft, Symbole und Anordnungen von Personen präsentiert, damit Beziehungen, persönliche Vernetzungen und die Dynamik in diesen visualisiert. Wer sich darauf einlässt, mitdenkt, mitlebt, der erlebt unterhaltsame (fast) sechs Stunden.

Ein Tagesviertel gefüllt von Musik. Beeindruckend frisch, leicht und frei von Bombast gespielt vom NTO unter Dan Ettinger, die am zum Schlussapplaus neben Hauptdarstellern, Chor und Statisterie mit auf die Bühne kommen, begeistert gefeiert vom Publikum. Zu Wagners Zeit hätte man gesagt, Hut ab vor dieser Leistung.

Und man geht mit dem Gefühl nach Hause, dass der Antisemit Wagner hier ein Werk geschaffen hat, das eine vorausschauende Anklage gegen den Faschismus des Antisemiten Hitler war. Eine Erinnerung daran, dass der Antisemitismus nur ein schrecklicher Aspekt des Nationalsozialismus war. Daneben wurden noch viele andere Menschenrechte in den Staub getreten, Menschen aus vielen anderen Gründen vernichtet. Dass Hitler trotzdem ein Fan des Wagner'schen war zeigt nebenbei wie beschränkt seine Auffassungsgabe und wie schlicht seine Weltsicht war. Ob ein Richard Wagner in der Welt ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod noch ein Antisemit gewesen wäre wissen wir nicht, ob er es heute noch wäre muss man stark bezweifeln, dass er es weniger gewesen ist als mancher Papst der Nachkriegszeit ist allerdings sicher.

Ja, man kann diesen Wagner nicht nur ohne schlechtes politisches Gewissen genießen, man kann sich sogar damit unterhalten und die aktuelle politische Situation in seinem Stück wiederfinden. Was diese Inszenierung jedoch nicht ist, eine Weihespiel für völkisch gesinnte, ein Hochamt für depressive Düsternis oder ein Hohes Lied an den germanischen Herrenmensch. Wagner in Mannheim ist 100% frei von Nietzsches Übermensch.

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