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Inszenierter Kafka in einer kafkaesken Welt - Schauspiel am NTM


Letzte Woche hatte ich Gelegenheit ein Schauspiel zu sehen, dessen Vorlage ich gut kenne und das szenisch dicht, engagiert, überzeugend und frisch bei mir ankam, kurz, es bewegte mich. Trotzdem habe ich eine Woche gebraucht um mir klar zu werden, wie ich meinen Eindruck in Worte fasse. Und zu verstehen warum es mir schwer fällt Worte zu finden.

An den Anfang stelle ich die Defizite, was mich unmittelbar gestört hat, womit ich aus der Vorstellung gegangen bin und vermisst habe. Denn das war sofort klar, unmittelbar deutlich und unübersehbar. Die Bearbeitung des Textes und die Inszenierung ist in keinem Aspekt auf die reale Existenz der von Kafka angesprochenen Abläufe und Ereignisse eingegangen. Ist doch "Der Process" von Kafka das Werk des Prager Schriftstellers, das sich durch seine fragmentarische Existenz im doppelten Sinn in die Wortbildung kafkaesk eingebracht hat. Und da kafkaeske Ereignisse und Zustände nicht selten sind, Ablauf-Prozesse und Gerichts-Prozesse mit ähnlichen Folgen stattfinden, hatte ich eine Auseinandersetzung damit erwartet.

Keine Ahnung worauf ich hinaus will? Dann halt ein Beispiel, wer ahnt worum es mir geht kann es sich trotzdem ansehen.

(Update Dezember 2014 - ursprüngliches Video gelöscht - ersetzt)

Der Film zeigt einen real existierenden Bauern, bzw. Ex-Bauer, dem sein kompletter Bauernhof abhanden gekommen ist. Er vermutet die Regierung sei Schuld oder korrupte Beamte vor Ort, aber er hat eigentlich keine Ahnung was ihm widerfährt.

Mit ähnlichem Tenor und Gehalt werden manche Teile des Stücks vorgetragen, vorgespielt oder vorgesprochen. Die Parallelität ist derart zwingend, dass jeder mit Kenntnis solcher Beispiele sich dem nicht entziehen kann. Aber nicht jeder hat diese Kenntnis und dieses Stück wäre die Gelegenheit gewesen diesen Impuls zu liefern. Die Parallele herzustellen.

So war es streckenweise ein szenisches Hörbuch im riesenhaften Aktenregal einer anonymen und phantasmagorischen Behörde und Welt des Josef K. und seiner Wegbegleiter. Aus dem möglichen Echolot einer politischen Situation wurde das Psychogramm einer Romanfigur, bzw. des Fragments einer Romanfigur.

Tauglich ist die Aufführung sicher für Menschen, die sich die Lektüre von Kafkas Romanfragment ersparen wollen, Schulklassen als Einstieg in die Textanalyse oder jemand, der auf anspruchsvolle Weise Zeit totschlagen will. Wer aber wie ich den Text kannte, der geht raus und hat das Gefühl, dass das Kopfkino zu Kafkas Stück ärmer geworden ist. Was man gerade gesehen hat ist viel netter, weniger deprimierend und bedrohlich, irgendwie weichgespült, ein Versuch aus verstörenden Fetzen ein samtweiches Tuch zu weben. Ein Tuch, das auch noch ein klares Muster hat.

Dabei ist gerade die Zerrissenheit des Originaltextes die optimale Form des Inhalts. Der Prozess ist ein Ablauf in dem ein Prozess, ein juristischer, eine Rolle spielt und dessen Lesen wiederum ebenfalls ein Prozess ist und auslöst. Die Unfassbarkeit, die Josef K. widerfährt wird als unfassbarer Text präsentiert, liefert den Leser dem Text aus wie im Text der Josef K. ausgeliefert ist. 

Dagegen haben hier die Regie, Bühnenbild und alle Mitwirkenden es realisiert einen linearen und schlüssigen Ablauf zu präsentieren, mit Überleitungen und Klammern Logik einziehen zu lassen. Aus der Präsenz des Absurden und der Bedrohung des Alltags durch das Unfassbare wird ein psychologisches Kammerspiel um Herrn K., der fulminant gespielt zum Handelnden wird. Zum Handelnden, der schlussendlich scheitert, aber sich ständig im Besitz der Kontrolle wähnt. Mehr verblüfft als verloren, erklärungssuchend statt dem unerklärbaren Prozess des Prozesses ausgeliefert.

Alle Auftritte sind akzentuiert, wohl vorgetragen und solides Handwerk, das Stück fesselt, aber kafkaesk ist dieser Process nicht mehr.


Als politisch bewegten Menschen hat mich das Stück durch seine Politikferne bewegt, ob es das auch bei politisch weniger engagierten leistet weiß ich nicht, aber ich bezweifele es.

Deshalb drängt es mich und das ist mir jetzt klar, noch ein paar Dinge los zu werden, die vielleicht das Kafkaeske in unserem Alltag widerspiegeln und deren Abwesenheit im Stück es anscheinend ist, die mich beschäftigt.

Das fängt an mit einem Zitat aus der Programmatik von Amnesty International:
 Von der Straße weg entführt, zu Hause abgeholt, während einer Demonstration festgenommen. Wahrscheinlich gefoltert. Keine Angaben über den Verbleib. Für immer verschwunden? Weltweit lassen repressive Regimes ihre politischen Gegner "verschwinden". 
 Die Vereinten Nationen haben den 30. August zum "Internationalen Tag der Verschwundenen" erklärt. Seit 1980 sind weltweit mehr als 50.000 Fälle bekannt, in denen Personen "verschwunden" sind. Die Dunkelziffer dürfte jedoch noch weitaus höher sein.
 Als "Verschwindenlassen" wird eine Form von staatlicher Gewalt bezeichnet, bei der eine Person häufig - durch Geheimdienste - festgenommen und in Haft gehalten wird, ohne dass diese Festnahme offiziell zugegeben und der Aufenthaltsort der Person bekanntgegeben wird.
 Angehörige erhalten keinerlei Informationen über die Verschwundenen und werden über deren Schicksal im Ungewissen gelassen.
 "Verschwindenlassen" ist meistens mit Folter verbunden, da die in die Verschleppung verwickelten Personen und Organe keinem Gericht und keiner Behörde Rechenschaft ablegen müssen. Für Familien und Freunde ist die schreckliche Ungewissheit besonders belastend: Was ist mit dem Ehemann, der Tochter oder dem Freund passiert?
 Obwohl die "Uno-Konvention zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen" seit Dezember 2010 in Kraft ist, wird diese Art von Menschenrechtsverletzung auch noch heute weltweit praktiziert.
 Die Täter bleiben meist straffrei.
Das ist die abstrakte Situationsbeschreibung der Realität von "Processen". Dann gibt es noch bewegende Beschreibungen von konkreten Einzelfällen.

Es gibt Informationen über und zur UN-Konvention mit diesem Thema und wer sie damals verabschiedet hat. Und es gibt Filme wie diesen:


(Video über chinesische Dissidenten - Update Dezember 2014 - Video gelöscht)

Und was bleibt jetzt noch zu sagen zum Stück, zu den Darstellern, zu dem was in Mannheim auf der Bühne passierte? Ach, googlen Sie sich doch irgendeine Rezension, eine beliebige Kritik, da finden Sie sicher etwas über das was auf der Bühne passiert ist. Ich muss aber an die Leute denken, die jetzt während ich das schreibe oder Sie das lesen irgendwo einem "Process" ausgesetzt sind, sich in ihm befinden und vielleicht wie der Herr Josef K. den Traum leben ihr Schicksal bestimmen zu können.

In diesem Sinne:

(Video "Venceremos")



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