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Daneben, Frau Sibylle

Photo: Udo Grimberg (CC BY-SA 3.0 DE)

In der dieswöchigen Kolumne geht Sibylle Berg bei der Zerlegung und Betrachtung des Kunstbegriffs in die Irre. Aber das dürfen Sie, denn auch eine derartige Kolumne ist eine Form literarischer Kunst und besitzt deshalb die Freiheit dazu, bzw. der Künstler besitzt sie. Kunst ist keine Wissenschaft und auch kein Handwerk, bei denen Regeln und Prinzipien zu beachten sind. Kunst erfordert weder Können noch Kompetenz. Kunst muss auch keinen Wert haben, ethisch vertretbar sein oder einem ästhetischen Anspruch entsprechen.

Kunst muss künstlich sein, muss Auseinandersetzung zwischen dem, über die Natur und die gegebenen Dinge hinausgehenden, Werk des Menschen und der menschlichen Gesellschaft sein.

Die Reaktion des Betrachter, die durch eine Kadaver-Performance hergerufen wird, ist der wesentliche Aspekt jener Kunst und die Veränderung der Reaktion von Mensch und Gesellschaft im Lauf der Zeit ist Aufgabe aller Kunst. Ich hoffe, dass auch noch in Hunderten von Jahren immer wieder diese Performance aufgeführt wird um die Menschen an sich selbst und ihr Verhältnis zu Kadavern zu erinnern.

Genau darin besteht "Kunst", uns einen manipulativen Spiegel vorzuhalten, der unser Selbst im gesellschaftlichen Kontext zum Vorschein bringt. Uns und der Gesellschaft beispielsweise den Stand der Wertschätzung toten Fleischs zu zeigen, egal von welchem Lebewesen es stammt. Zu zeigen wie weit wir den Gegenstand unbelebter Faserproteine durch einen zivilisatorisch erzeugten Kontext überhöhen und verehren, das ist Kunst und der auslösende Akt oder Gegenstand ist ein Kunstwerk. Genauso wie es Kunst war, die konservierte Verschmutzung einer sanitären Einrichtung (Badewanne) mit dem Ordnungsstreben einer post-faschistischen Gesellschaft zu konfrontieren und deren vermeintliche Zerstörung durch eine Reinigung nicht als Bestandteil des Werks. Eine Restaurierung ist hier sowohl Zerstörung als auch neuer Akt des Kunst, wird doch erneut Bedeutung und Kontext verändert und aufgeladen.

Denn genau so wie Kunst und das Kunstwerk nicht dem Anspruch genügen muss zu gefallen oder als schön empfunden zu werden, genau so wenig muss ein Kunstwerk dem Anspruch genügen in die Zeit zu passen. Durch die Erfüllung dieses Anspruchs würde das Werk zur Bedürfnisbefriedigung, wie Höhlenzeichnungen, Steinschnitzereien der Frühmenschen, bemalter Porno-Vasen aus Pompeji oder Tapisserien der Zeit des Absolutismus, all das ist Kunsthandwerk, keine Kunst. Dadurch dass es künstlich ist und ästhetisch ist wird es nicht zur Kunst, im Gegenteil, es vermeidet die Konfrontation mit dem Betrachter, wird zu Dekoration.

Deshalb ist auch ein Gemälde Rembrandts nur dekoratives Kunsthandwerk von bestechendem Können, aber genausowenig Kunst wie ein genauso dekorativer und auf hohem handwerklichen Niveau geschaffener vergrößerter Busen eines Pornostars oder eine gepunzte Monstranz für den Altar einer Kathedrale. Wobei auch hier Werke existieren können, die beides sind, Handwerk und Kunst, die sich mit großem Können zusätzlich in die Metaebene erheben und in Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und deren Identität treten. 

Nur über die Bedeutung von Kunst entscheidet die Zeit, ob es große Kunst ist dauerhaft besteht oder kleine und vergängliche Kunst. Und wenn ein Kunstwerk die Menschen über die eigene Existenz hinaus beschäftigt und ihr Selbst im imaginären Spiegel aufleuchten lässt, dann ist es große Kunst, ganz große Kunst. Und Künstler wie Beuys damit große und bedeutende Künstler. 

Manchmal wird ein dekoratives Hand-Werk durch die Aktionen Dritter zur Kunst, wobei dann der künstlerische Akt von diesen Dritten ausgeht. So waren die Künstler, die einem Riesen-Penis aus Keramik auf Malta den Rang eines Kunstwerks gaben, jene Lokalpolitiker, die bei einem Papstbesuch die Verlegung an einen anderen Ort bestimmten. Erst dadurch wurde aus einem Stück lasierten und gebrannten Ton ein Werk von gesellschaftlicher Relevanz, das zeigt welche geistige Gesundheit man einem Kirchenoberhaupt zuschreibt, dass man ihm den Anblick eines tönernen Penis nicht zumuten mag. Es ist die Konnotation, die das Kunstwerk ausmacht. Deshalb können auch ganz banale Alltagsgegenstände zum Kunstwerk werden, wenn sie mit einer entsprechenden Bedeutung aufgeladen werden. 

Mannheim.Quadratestadt (CC BY-SA 2.0)
Und deshalb ist diese Kolumne Kunst, auch wenn sie daneben ist. Sie erzeugt Diskussion und Dialog, sie hält uns den Spiegel vor und bemisst uns und auch den Kunstschaffenden, bringt damit hervor an welcher Stelle unsere Gesellschaft steht und ob es beispielsweise noch Menschen gibt, die die Bedeutung einer Badewanne an ihrer Gebrauchsfähigkeit und Sauberkeit messen oder die Verwendung tierischen Proteins nach Beendigung der Nerven- und Stoffwechseltätigkeit.

Sollte irgendwann die Mehrheit auf derartige Schilderungen mit der Äußerung antworten, man dürfe einem gerne nach dem Tod essen, solange man diesen Tod nicht extra wegen des Verzehrs herbeiführe, dann würde dies einen veränderten Stand der Zivilisation zeigen, der Zustand der Gesellschaft würde sichtbar und bemessen. Wir würden dann wissen, dass wir nicht nur in einer Gesellschaft leben in der Organe zur Transplantation ausreichend verfügbar sind, wir wüssten auch, dass Tote Körper kein Fetisch der Hinterbliebenen mehr sind, dem mit Riten einer archaischen Sepulkralkultur gehuldigt wird.


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