Adam Smith ist lange tot

Die Soziale "Blase" - Beispiel, der Stadtstaat Monaco

Führt das verstärkte Gefühl wachsender Armut in der deutschen Gesellschaft zu einem Erstarken der extremistischen politischer Strömungen? Droht uns gar eine Revolution oder ein neuer Faschismus von Links oder Rechts? Nachdem beide autokratische Regime das jeweilige Deutschland fast zerstört hätten sollte wieder Bedarf für ein derartiges Abenteuer bestehen? 

Das Reüssieren der AfD ist dafür ein Indiz. Ein Indiz, dass es schon soweit ist, dass eine Sammlungsbewegung mit nationalistischem Duktus, mit Verherrlichung eines Anti-Demokraten und Republikfeindes (diesmal ist es Bismarck statt Hindenburg) und dubiosen Praktiken nennenswerte Erfolge erzielt und damit zeigt wie niedrig die Schwelle geworden ist um Heilsbringern und Populisten wieder öffentlich zuzujubeln. Und sich erneut in die Falle der nostalgischen Verklärer und Heilsideologen zu begeben.

Wer aus Angst vor dem Wandel jeden Fortschritt oder jede Veränderung verhindert, der wird eines Tages aufwachen und feststellen, die Revolution ist da, der Fortschritt und die Veränderung kommen mit Gewalt. Ob von rechts oder von links oder ganz unideologisch, sie wird befeuert durch die Unzufriedenheit, das Gefühl des Ausgeschlossenseins. Das gestörte gesellschaftliche Gleichgewicht verhindert den Wandel, staut ihn auf und irgendwann bricht der Damm. Dann kommt es aber nicht zum Ausgleich, es kommt zu Zerstörung und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man sogar einen höheren Damm errichtet, weiter in die Vergangenheit zurückgeht um scheinbar sichere Ufer zu erreichen und damit die Situation nur verschärft.

Ein nach wie vor nennenswerte Zahl an gesellschaftlichen Akteuren und ökonomischen Big Playern sieht diese Gefahr nicht, weil sie auf ein ökonomisches Prinzip vertrauen. Ein Prinzip de automatischen Ausgleichs, das der Trickle-Down-Theorie entstammt. Danach soll steigender Reichtum auch in steigendem Maß auf die weniger begüterten Bevölkerungsschichten durchsickern und für eine allgemeine und umfassende Prosperität sorgen.

Würde dies zutreffen so müssten die niedrigen Einkommen genauso oder stärker wachsen als der Median aller Einkommen. Das ist seit Jahren nicht der Fall, das Gegenteil ist sichtbar, die niedrigen Einkommen stagnieren. 

Symbol des Luxus und der sozialen Differenzierung - Yachthafen

Und was können wir dagegen machen? Wie können wir für eine gerechtere Gesellschaft sorgen und eine Revolution verhindern?

Die Ursache beeinflussen. Armut ist subjektiv und bestimmt durch diesen Median der Einkommen. Selbst bei steigendem Reichtum, besserem Lebensstandard, bedeutet ein geringeres Wachstum der niedrigen Einkommen und Transferlöhne, dass diese sich vom Median entfernen und damit die Teilhabe am sozialen Leben schwieriger wird. Mit dem sich entfernenden Median bewegen sich auch die sozialen Normen und Erwartungen nach oben und entfernen sich so von den so genannten unteren Schichten und ihren Möglichkeiten. Die Menschen fühlen sich arm.

Es ist dieses unterschiedliche Tempo, das die Schere immer mehr auseinanderklaffen lässt, obwohl das ganze System auf dem Weg nach Oben ist. Aber das Oben entfernt sich schneller von der Mitte, als das Unten nach oben klimmen kann. Die soziale Schere öffnet sich weiter und weiter.

Damit bieten sich zwei Instrumente an dieser Entwicklung entgegen zu steuern, das Tempo bei den unteren Einkommen zu erhöhen, bei den hohen Einkommen zu bremsen oder beides gleichzeitig.

Dazu gibt es Konzepte - eines, das nicht kurzfristig umsetzbar ist, das BGE (Bedingungsloses Grundeinkommen) und eines, das gerade zur Umsetzung kommt, der Mindestlohn (der nach Einführung auch die HartzIV-Sätze und die Grundsicherung beeinflussen wird).

Aber auch der Mindestlohn leidet wieder unter einem statischen Konzept, statt ihn mit 65 oder 70 Prozent des Medians zu definieren und so für permanente Anpassung zu sorgen, wird er wahrscheinlich auf einen bestimmten Euro-Betrag fixiert und somit von vornherein von der Entwicklung des Einkommensmedians abgekoppelt und die unteren Einkommen von jeder Entwicklung ebenso. In diesem Fall ist das weitere Öffnen der Schere unausweichlich. Zusätzlich zum Ausbleiben des Trickle-Down wird nun eine echte Barriere errichtet, der Gesellschaft in guter Absicht ein Bärendienst erwiesen und die Dynamik weiter eingeschränkt. Als Schreckensbeispiel mögen die USA dienen, in denen der Mindestlohn seit Jahrzehnten unverändert ist und inzwischen die Schere bis zum Anschlag geöffnet hat.

Parallele Welt - Straßenmarkt in Indien

Und warum funktionieren die Prinzipien des Trickle-Down nicht mehr? Weil es die Voraussetzungen nicht mehr gibt. Wer Adam Smith liest, wird feststellen, dass er eine Welt, eine Gesellschaft und eine Ökonomie beschreibt, die es vor 250 Jahren gab, aber eben nicht mehr heute. 

Es hat tatsächlich mehr mit "believe" als mit "knowledge" zu tun an dieser Idee festzuhalten und auf ihre Wirksamkeit zu bauen. Wirtschaftswissenschaftliche Schulen sind auch in dieser Weltsicht zu Glaubensgemeinschaften verkommen, Sekten des Mammon mit ureigenen Ritualen, Traditionen und wachsendem Fundamentalismus. Es gibt namhafte Kritiker, aber der Mainstream und vor allem das Verständnis in breiten Schichten ist noch ein anderes. Deshalb haben auch Populisten wie die AfD oder Sarrazin riesigen Zulauf.

Die hohen Einkommen werden in den Strategien der Politik zusätzlich vernachlässigt. Obwohl es zur Einbremsung der Entwicklung der hohen Einkommen noch viel mehr Konzepte gibt, höhere Spitzensteuersätze, Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenzen, Tobinsteuer, Transaktionssteuer und viele mehr.

Nur solange ausschließlich darüber diskutiert wird, welches dieser Instrumente das geeignetste ist und am wenigsten schädlich für die ökonomische Gesamtentwicklung und die Volkswirtschaft, solange ändert sich nichts. Handeln ist angesagt und im Verzug.


Steuern und Abgaben als Krücke der Gerechtigkeit

Es wäre ein Anfang zu beschließen die Beitragsbemessungsgrenze dynamisch an die Einkommensentwicklung zu koppeln, genauso die Tarifstufen für die Steuerprogression. Dies würde das relative Ausmaß der Besteuerung festschreibt, statt dem absoluten und damit einen Ansatz bietet das Klaffen der Schere nicht noch stärker werden zu lassen. 

Mit Transaktions- und Tobinsteuer könnte man die Schere dann auf das klassische Maß an gesellschaftlicher Bandbreite schließen und die Kluft schrittweise und vorsichtig schließen. 

Vielleicht stellen dann die Reichen fest, dass in einer ausgewogenen Gesellschaft der Reichtum befriedigender ist und "reicher", dass es auf die Qualität und nicht die Quantität ankommt. Eine Villa von einer Mauer und Slums umgeben ist kein Gefühl von Reichtum, sondern von Gefängnis. Und eine Gesellschaft in der Reichtum nicht mehr attraktiv ist, sondern ein gesellschaftlicher Makel - diese Gesellschaft stagniert und verarmt im Ganzen.




Adam Smith, Stich von John Kay

Das hätte sich Adam Smith so nicht träumen lassen und ob er es verstanden hätte ist zweifelhaft, aber er ist schon lange tot. Seine Zeiten sind vorbei. Unwiederbringlich, und es ist auch gut so, aber das ist ein anderes Thema, bei dem es um Feudalherrschaft, Stände und fehlende Menschenrechte geht.  


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