Giuseppe Verdi, Don Carlo - Oper am NTM


Don Carlo, nicht Don Carlos, damit ist schon klar, es handelt sich um die gekürzte Fassung in vier Akten in italienischer Sprache. Die kürzere Fassung kam siebzehn Jahre nach dem Werk mit fünf Akten auf die Bühne und wurde im Januar 1884 in Mailand uraufgeführt. War die Urfassung noch zu Zeiten des Brigantenunwesens entstanden und kurz nach Beendigung jener bürgerkriegsähnlichen Aufstände in Italien auf die Bühne in Paris gekommen, so hatte die gekürzte Fassung eine drastisch veränderte politische Landschaft im Hintergrund. Die feudalen Regime in Europa hatten sich von der Bedrohung durch die französische Revolution und Napoleon erholt. In Deutschland war das Kaiserreich ausgerufen worden und hatte sich daran gemacht seinen Machtanspruch zu festigen, Kolonien zu gründen und alle Vertreter der Idee von Republik und Demokratie als Terroristen und Verräter zu verfolgen.

Mit diesem Kaiserreich und dem ebenso feudalen Regime in Österreich-Ungarn hatte sich das junge Königreich Italien zum Dreibund zusammengeschlossen und Einflussbereiche auf der ganzen Welt untereinander verteilt. Verdis Heimat Italien wurde von Umberto I. regiert, einem gebildeten Städter, der ein autoritäres Regime führte und mit einem totalitären Kontrollapparat die Bevölkerung bespitzeln lies, hunderte Verdächtige und so genannte Aufrührer vom Militär blutig abschlachten lies. Einige Chor-Szenen aus Don Carlo nehmen dabei reale Ereignisse wie das Massaker von Mailand vorweg. Die Adaption von Schillers Drama als Grundlage für Verdis erfolgte durch seine bewährten Librettisten Méry und du Locle, von denen der erste ein brillanter und scharfzüngiger politischer Satiriker war und der zweite ein Dramaturg mit viel Erfahrung, sowohl im Umgang mit dem Publikum, als auch mit der Zensur. 

Deshalb bietet das Stück dem Aufmerksamen Zuhörer neben vordergründiger Handlung mehrere Metaebenen an zusätzlicher Bedeutung. Da gibt es die Ebene des Adels, als ganz und gar nicht göttliche Wesen, die jähzornige, zweifelnde und unsichere Eltern und Partner sind, zerrissen zwischen Beruf, Anspruch, gesellschaftlichen Konventionen und ureigensten menschlichen Gefühlen. Da gibt es die Ebene des klerikalen Machtapparats, der zur Erhaltung der staatlichen Ordnung alles unternimmt, um den Raum zu sichern, in dem die eigene klerikale Macht überhaupt erst wirken kann. Da gibt es die Ebene der politischen Intrigen der manipulativen Profis, die im Geiste Macchiavellis ihre Netze spinnen. Noch sind dies der niedrige oder verarmte Adel, der den politischen Aufstieg sucht. Aber das Muster des Besitzbürgertums und des Standes der Emporkömmlinge zeichnet sich bereits ab. Und es gibt die Ebene des naiven Idealisten, des reichen Sohnes, in den Stand der Mächtigen geboren und hadernd mit der schieren Ungerechtigkeit dieses Umstand. Der persönliche Erlösung suchend im Kampf gegen die Unterdrückung den Aufstand gegen den mächtigen Vater wagt. Hier wird Don Carlo zur der Zeit entrückten Coming-of-Age Story. Alles vorgezeichnet durch den Genius Schiller und von den Librettisten akzentuiert. Verdi mit seiner zeitlosen Musik verstärkt genial die Aussagen und kommentiert sie verdeutlichend, intensivierend. Die romantischen Beziehungen werden durch seine Musik fragwürdiger, die menschlichen Makel düsterer, die Bedrohung durch den gewissenlosen Klerus zum Horrorszenarium und Pandämonium. Andeutungen, aus Rücksicht auf die Zensur, werden durch die Musik zur unmissverständlichen emotionalen und moralischen Anklage. 


In dieser Mannheimer Inszenierung greift Regisseur Jens-Daniel Herzog diese komplette inhaltliche Steilvorlage auf und erweitert die musikalische Zeitlosigkeit nicht nur auf den Inhalt, er schlägt stilistische Brücken über die Jahrhunderte. Sind die unmittelbare Königsfamilie sichtbar Angehörige der 16. Jahrhunderts, Philipp II., Don Carlos und Elisabetta in Kostüm und Maske authentisch, so sind Klerus und Militär Epigonen des 20. Jahrhunderts, die Volksmassen jedoch Verdis Zeitgenossen. Eboli und Posa werden dagegen zur neutraler Erscheinung, dass sie der Zeitlosigkeit ihrer Funktion und Rolle entsprechen. Wenn der Großinquisitor und seine Schergen agieren, kann man sich den Parallelen zu Guantanamo, CIA, Homeland Security und NSA nicht entziehen. Und wenn die Schatulle mit den privaten Aufzeichnungen der Königin durchsucht und gelesen wird, dann stehen Snowden und die Abhörskandale unsichtbar mit im Raum und rufen dem Publikum zu: "Es hat sich nichts geändert. Ihr seid immer noch Untertanen."

Hier ist dem Team um Herzog gelungen den Gegenwartsbezug ständig präsent werden zu lassen ohne das Originalstück zu verfremden oder ihm seine eigene Authentizität zu rauben. Nein, im Gegenteil, es wird freigelegt wie genial und tiefgründig der Blick von Verdi, Schiller und den Intellektuellen des 19. Jahrhunderts war, das Unveränderliche an den Herrschaftsmechanismen und am menschlichen Wesen zu erkennen, zu dramatisieren und eine Fabel über Macht und Ehre zu schaffen, die - man muss es befürchten - auch noch in Jahrhunderten zutreffen wird.

Der Chor und das Orchester unter der Leitung von Joseph Trafton agierten gewohnt sicher und mit dem bei Verdi nötigen Bombast - an den richtigen Stellen - ohne romantisierend alles in einem dicken Klangteppich versinken zu lassen. Akzentuiert, nuanciert, das trifft es.




Der König wurde von Sebastian Pilgrim mit hervorragender darstellerischer und gesanglicher Leistung geboten. Es war sein Rollendebut und man kann dazu nur sagen, er ist eine echte Bereicherung im Fach Philipp II. insgesamt und als neuer 1. Bass für das Ensemble des Mannheimer Opernhauses. Er lässt die Tragik dieser Figur, die den eigenen Sohn zum Tod verurteilen zu müssen meint, lebendig werden.

Als Ehefrau Elisabetha, der Tochter des französischen Königs und Opfer einer Zwangsheirat mit dem Vater ihres ursprünglichen Verlobten, singt Galina Shesterneva den Part sicher und routiniert, darstellerisch präzise und mit den nötigen großen Gesten, die eine Verdi-Inszenierung und ihre Musik verlangen, steht sie jedoch im Schatten von Posa und Eboli.

Diese beiden Rollen werden nicht nur durch die Regie zu den Drehpunkten der Handlung und den dramaturgischen Schwergewichten, sondern auch durch Thomas Berau, der als altgedienter Bariton des NTM auch dieser Rolle wieder zu besonderer Tiefe und stimmlichen Höhepunkten verhilft. Da steht der Marquis von Posa auf der Bühne, mit seiner Verschlagenheit, seinem Idealismus und seiner Grandezza und mehr wird nicht verraten, kein Spoiler. Und das Glanzlicht des Abends, Heike Wessels als Prinzessin Eboli. Da ist das hohe stimmliche Niveau gepaart mit der Lust am Spiel, der Figur der Intrigantin den Hauch Vamp, Femme fatale und Celebrity zu verpassen um sie über die Jahrhunderte hinweg glaubhaft werden zu lassen und die Epigonen der Eboli mit dem Original zu vereinen. Ganz großes Theater in der großen Oper.

Und der Titelheld, der Bariton, Michail Agafonov, wie schon seit über einem Jahrzehnt eine sichere Bank in der Aufführung, ein solider Ankerpunkt ohne Fehl und Tadel, den die Inszenierung hier deutlicher aus der Mitte des Stücks rückt und die unpolitischen Aspekte der zwischenmenschlichen Nebenerzählung überlässt. Und trotz umgekehrten Altersverhältnisses nahm man ihm die Rolle des Sohnes ab.

Ein gelungener Abend, zu dem man hier Termine und Karten in der Spielzeit 2013/2014 findet. Eine hervorragende Inszenierung, gerade für politisch Interessierte mit Sinn für klassische Kulturformen.




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