Georg Büchner, Dantons Tod - Schauspiel am NTM


Ich muss mich kurz fassen und die Kritik an Schauspielern und der Vorführung am Nationaltheater Mannheim an den Anfang stellen. Hätte das Stück einen anderen Hintergrund und würden wir nicht in Zeiten wie diesen leben, dann wäre es ein unterhaltsamer und bewegender Abend gewesen. Solide Darstellung, einfallsreiche Inszenierung, alles professionell und bei weitem kein vergeudeter Abend.

Aber, ganz großes Aber, das ist "Dantons Tod", Büchners Stück über Sex, Revolution, Gewalt und Tod. Das ist kein Boulevardstück, keine Klamotte von der Volksbühne oder nur menschliches Drama. Der Autor hat in einer Zeit des Absolutismus in Deutschland versucht ein Stück mit mehreren Ebenen zu publizieren und auf die Bühne zu bringen. Ein Drama, das einerseits die Revolution und ihre Werte relativiert, indem es den Schritt Robespierres zum Diktator illustriert, andererseits mit Danton einen ambivalenten Helden schafft, der dem Volk nahe steht und eine Identifikationsfigur für das Bürgertum ist. Danton ist die historische Ikone der Rechtsstaatlichkeit und der Ideale von Liberté, Egalité,Fraternité. Und Büchner kannte den weiteren Verlauf, es ist auch sein Rückblick, anderthalb Jahrzehnte nach Napoleons Tod geschrieben. Mitten in der Restauration feudaler Macht. Metternich auf dem Höhepunkt seiner Macht und das Regime im entstehenden Deutschland verschärft die Repression gegenüber den entstehenden republikanischen und demokratischen Volksbewegungen. Der Deutsche Press- und Vaterlandsverein ist verboten, Siebenpfeiffer und seine Mitstreiter der Verfolgung ausgesetzt. Das ist der historische Kontext in dem das Stück entstanden ist. Verfolgung, Zensur, Überwachung. Der Inszenierung ist nichts davon anzumerken oder so subtil angelegt, dass es unter den Klamauk-Elementen unsichtbar und unhörbar wird.

Wir werden beim Stück in der heutigen Zeit mit einem dreifachen Anspruch konfrontiert, der historischen Dimension Dantons und seiner Bedeutung für die Entwicklung der Rechtsstaaten und Republiken in Europa, der Restauration des autokratischen Feudalismus zu Zeiten Büchners und unserer heutigen Zeit, einer Zeit in der Autokraten noch in vielen außereuropäischen Ländern herrschen und dort staatstragend von Selbstmordattentätern und einer Gerichtsbarkeit unterstützt werden, die der Robespierre'schen Schreckensherrschaft und seinen Tribunalveranstaltungen gleicht.

Das ist die Klammer über die Zeiten hinweg, die die Bedeutung der Französischen Revolution in die Kaiserzeit Büchners befördert hat, mit der Büchner nicht nur zu seinen Zeitgenossen spricht, sondern zu uns heute, und zu den Menschen in Ländern in den es Revolutionen gibt oder geben sollte. Danton, Robespierre und die spätrevolutionäre Phase sind Archetypen, anscheinend zeitlos und immer noch beispielhaft.

Und genau an dieser Stelle versagt die Inszenierung. Sie reduziert die politische Dimension auf ein Minimum, entwirft ein Bühnenbild aus Lego-Steinen, das die Revolution ins persönliche Spielzeug egomanischer Akteure verwandelt, für die Kampf, Befreiung, Republik, Politik und Scheitern bis hin zum Tod zum egomanischen Selbsterfahrungstrip zusammenschrumpfen.

Source: Wikimedia

Es sind nicht das Können der Schauspieler oder Mängel in Büchners Text, nein es sind inszenatorische Garnierungen, die auf gelegentliche Lacher schielen, absurde Pointen schaffen und dabei den Anschein erwecken, sie wollten damit den Pathos Büchners beschneiden. 

Nur ist dieser Pathos ein Stilelement seiner Zeit, die Dimension, die das Selbstverständnis der Revolutionäre und ihrer Gegenspieler aus dem Absolutismus greifbar machen. Selbst die Einstellung zu Leben und Tod sind in Zeiten der Revolution und des Umsturzes andere als in unserer friedlichen Zivilgesellschaft. Sie sind uns aber nicht fremd, jeder selbstmörderische Anschlag, jeder Amoklauf, jeder Suizid zeigt wie nah in unserer Zeit die persönliche Grenzüberschreitung liegt, wie persönliche Psyche und historische Dimension verschmelzen können. Hätte es den 11. September geben können ohne das besondere Verhältnis der Attentäter zu Leben und Tod? Diese besondere Melange, die Personen schafft, die gesellschaftsverändernd wirken. Von Danton und Robespierre zu Napoleon, von Mohammed Atta und George W. Bush zu Obama, wie unterschiedlich sind die Motive, wie ähnlich das Selbstbild der Betreffenden, wie dramatisch die Auswirkungen. 

Und dann kommt man aus der Vorstellung und sieht im Social Network Stream die Bilder aus der Ukraine, wird an die Orangene Revolution erinnert, an das Scheitern und die persönliche Fehlbarkeit der Helden. An Danton und Robespierre, an Büchners Stück. Und der Abend verblasst angesichts der Realität.

Morning - First day of Orange Revolution
Source: Wikimedia/User:Serhiy (GFDL-self)

Dass man nebenbei nicht den Versuch unternommen hat ohne Zensur und Auflagen die heute möglichen Teile des Stücks wieder zu beleben, ist eine zusätzliche verpasste Gelegenheit. Die Erotik und sexuelle Spannung zwischen der Handelnden, nicht nur zwischen den Protagonisten, sondern auch zwischen Danton und Robespierre sind ein Themenkreis, den man nicht auslassen kann. Gerade weil das Stück auch Gegenstand des Schulunterrichts ist und von vielen Schulklassen besucht wird. Da sind wir mitten in der baden-württembergischen Diskussion über die Änderung des Schulplans und deren Bedeutung. Welche Rolle haben sexuelle Orientierung, Präferenzen und Verhalten in dieser historischen Situation gespielt. Was wollte Büchner als Zeitgenosse der Überlebenden der Vorgänge andeuten. In Büchners Umfeld im Elsaß und der Schweiz lebten noch viele ehemalige Jakobiner, Girondisten, Dantonisten und Sansculotten, mit denen er sicher auch über alle Aspekte seines Stückes gesprochen hatte. 

"Dantons Tod" ist pralles Leben, tragische Politik und der Blick auf eine der wichtigsten Zeitenwenden unseres Kontinents von einem Zeitgenossen der Beteiligten. Ein Bericht über den Moment des persönlichen Scheiterns und Versagens, der zum Fanal ewiger Größe und Geburtsstunde einer neuen Zeit wird. 

Der Tod Dantons war der Moment in dem der Grundstein gelegt wurde für Napoleons Herrschaft, für die Verbreitung von Code Civil und Code Penal über ganz Europa, für den Aufstieg von Republik und Demokratie. Es war dieser Sündenfall der Revolution, der den Menschen vor Augen führte, dass Freiheit ohne gleiches Recht, ohne unabhängige Justiz, das diese Freiheit eine leere und hohle Freiheit ist. Dass diese Freiheit nur eine Kulisse ist, die einen neuen Absolutismus verbirgt. Die Folgegeneration kannte die Bedeutung der unabhängigen Justiz und die Notwendigkeit sie zu einer der Säulen des Staates zu machen. Nicht umsonst war die nächste Generation der Revolutionäre eine Generation der Rechtsgelehrten und Juristen.

Und wir leben in einer Zeit, in der hinter der Kulisse der Freiheit die NSA, GCHQ, geheime transatlantische Verträge und der Machtmissbrauch in Großkonzernen zum Vorschein kommen. In der die Justiz ihre Unabhängigkeit an die Politik und Großkonzerne verliert. Einer Zeit in der absolutistische Herrscher in Saudi-Arabien Menschen Körperteile abhacken lassen, in der die USA geheime Gerichte und Lager betreiben, in der das eklige Haupt des Absolutismus versucht neuen Glanz und die Zustimmung der Bevölkerungsmassen zu gewinnen indem es sein Medusenhaupt hinter der Maske des Staatsdieners verbirgt, der nur die Arbeit im Interesse der Bevölkerung vollbringt.

Theater muss diesen Schritt gehen, den Gegenwartsbezug herstellen, die Zukunft vorausdenken oder sich auf museale Aufführungspraxis zurückziehen, Historientheater veranstalten. Sich dem zu entziehen, gefällige und geschmeidige Boulevardisierung betreiben, das ist Scheitern vor dem Anspruch politischer Mensch zu sein, Scheitern vor dem Anspruch relevant zu sein, teil zu haben an der Gesellschaft. 

Diese Inszenierung ist politisch, kulturell und gesellschaftlich belanglos. Der pure Zeitvertreib.



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