Die Einkehr


In den Kommentaren zu einem Social-Network-Post der Süddeutschen Zeitung hat ein Leser danach gefragt, was eine Einkehr ist. Ein Begriff der nicht mehr gebräuchlich ist und in Vergessenheit zu geraten scheint. Da mündliche Überlieferung in Zeiten von Wikipedia und Google immer mehr ins Hintertreffen gerät, sollte manche Wortbedeutung, Geschichte und Tradition festgehalten werden. Auch wenn manches klein und unbedeutend ist, als Nebensächlichkeit zurecht in Vergessenheit gerät, es kann der Schlüssel zum Verständnis sein, wenn zukünftige Generationen einen Blick in alte Schriften werfen.

Was hat es denn nun mit der Einkehr auf sich, wo kommt das Wort her, was bedeutet es?

Die Einkehr ist der Vorgang von einem eingeschlagenen Weg mit dem Fuhrwerk durch eine Kehre abzuweichen. Im Gegensatz zur Umkehr ist die Einkehr kein vollständiges Kehren zum Ausgangspunkt zurück, sondern zur Seite, zu einer so genannten Einkehre oder eben kurz Einkehr. Damit hat im Laufe der Zeit der Ort den Namen des Ereignisses angenommen und auch der ganze Aufenthalt an diesem Platz wurde später zur Einkehr

Die Einkehre ist ein Platz, vorzugsweise zum Rasten, der groß genug ist um das Fuhrwerk zu kehren, sprich eine Wendeschleife. Notwendig war dies, da ein Pferdefuhrwerk keinen Rückwärtsgang hat. Fuhr man einen Platz an, der keine Kehre erlaubte mussten die Pferde aufwendig abgespannt, das Fuhrwerk per Hand rangiert und dann wieder eingespannt werden. Für einen kurzen Aufenthalt zum Tränken der Pferde und Kontrolle des Fuhrwerks wollte das jeder vermeiden. Fand man einen geeigneten Platz und nutzte ihn regelmäßig, gab man die Information auch weiter. Eine feste Einkehr war etabliert.

Ursprünglich meist nur ein karger Rastplatz mit einer Wasserstelle für die Pferde, wurde an diesen Stellen im Laufe der Jahrhunderte erst ein Unterstand und später oft komplette Herbergen mit Stallungen gebaut. Beliebt waren diese Plätze in vorchristlicher Zeit auch bei den Besatzern, die dort meist Zoll- und Kontrollposten errichteten. In der nachchristlichen Zeit bei Mönchen, die hier ihre Klausen errichteten und in der Folge Wirtschaftsgebäude und Speicher. Einkehren waren damit neben Häfen und militärischen Lagern der häufigste Ursprung für die Gründung von Dörfern und Städten. Meist lagen sie in der Hälfte der Strecke zwischen zwei Militärlagern oder anderen Ansiedlungen, die wiederum eine Tagesreise für einen bewaffneten Trupp voneinander entfernt lagen. Angelegt in unsicheren Zeiten, sollte so einem Fußsoldaten ermöglicht werden vom morgendlichen Abmarsch aus noch vor Einbruch der Dunkelheit ein sicheres Ziel zu erreichen. Dazwischen in den meist noch dichten Wäldern fanden sich dann Einkehren oder wurden durch Rodung angelegt.

Einkehr im 19. Jahrhundert

Sie waren ein Zeichen, dass an dieser Stelle regelmäßiger Verkehr vorbeikam, die Zivilisation sich zeigte und Handel getrieben werden konnte. Befand sich ein Wegkreuz in unmittelbarer Nähe, war sogar mit der doppelten Anzahl von Menschen, Waren und Informationen zu rechnen. Hier wurden die ersten Häuser errichtet, die als Einkehr den Grundstein für Gasthöfe, Herbergen und später Poststationen legten.

Es gibt in manchen Landstrichen auch Bereiche, die als "Kehr-dich-an-nichts" benannt werden. Hier war das Kehren, sowohl das Einkehren zum Rasten, als auch das Umkehren zum Zurückfahren, verboten. Der Landherr wollte keine lagernden Fremden und die Wege waren auch zu schmal um Gegenverkehr zuzulassen. Verstöße konnten damit enden, dass man den Wald nie wieder verließ.

Genauso werden manche Landpunkte immer noch als "Umkehre" bezeichnet, hier befand oder befindet sich das Ende des Weges, an dem es nicht mehr weitergeht und der Weg wieder zurückführt. Diese Stellen sind jedoch selten, denn warum hätte man dort hinfahren sollen, wenn es nicht mehr weitergeht. Man findet diese Punkte hauptsächlich an der Küste und im Gebirge, an Stellen an denen es nur zu Fuß oder im Boot weitergeht. Fuhrwerke musste umkehren, heute findet man an dieser Stelle Leuchttürme und Liftstationen.

Auch das Benutzen der Einkehr wurde als Einkehr oder Einkehren bezeichnet. Aus diesem Sprachgebrauch entstand auch der Begriff der "inneren Einkehr", ein Innehalten auf dem Weg durchs Leben, eine gedankliche Rast abseits der Alltagsgedanken. Ob man dabei sich geistig nährt und den Pferden, die die Gedanken ziehen, neue Nahrung und frische Wasser gibt, das sei dahin gestellt.

Vielleicht war diese Exkursion in ein Wort auch eine Art innere Einkehr beim Lesen, für mich war das Schreiben eine solche. Eine Rückkehr in eine andere Zeit, eine Erinnerung an mündliche Überlieferungen aus einem fernen Jahrhundert. An einen Großvater, der Zeitlebens nur ein Pferdefuhrwerk besaß und für den das Einkehren ein Teil des Lebens war. Und an eine Großmutter, die davon erzählte.


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