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Heidegger ist kein Zeitgenosse

Photo: Andreas Praefcke

"Der Philosoph Peter Trawny hat die Schwarzen Hefte von Martin Heidegger herausgegeben, in denen sich seine antisemitischen Notizen finden. Die 1240 Seiten sind Dokumente der Niedertracht, schreibt Jürgen Kaube."


Ich frage mich, können wir einem Menschen des 19ten Jahrhunderts Antisemitismus nachträglich zum Vorwurf machen? Oder müssen wir es als zeitgenössische Grausigkeit hinnehmen wie den Kannibalismus zur Zeit der bandkeramischen Kultur? Ist Heidegger in diesem Sinne nicht nur ein Anhänger des Zeitgeistes seiner Epoche?

Sich aus der heutigen Zeit zu erheben und mit Abscheu zurückzublicken ist einfach. Gilt es nicht die Frage zu stellen, wie sich einige wenige andere seiner Mitbürger über den strukturellen Antisemitismus jener Jahre erheben konnten, was befähigte diese wenigen sich von dieser abgründigen Unsinnigkeit zu lösen und weiterzuentwickeln? Heidegger war einfach nur gewöhnlich in seiner Zeit. So wie ein kannibalistischer Neandertaler, der in seiner Zeit auch nur gewöhnlich war.

Das heißt aber nicht auf den Diskurs zu verzichten. Die Person und ihre Werke am jeweiligen aktuellen Zeitgeist des Betrachters zu messen und zusätzlich über zukünftige Sichtweisen zu spekulieren. Diese Diskussion darf nie enden. Denn es geht um unser eigenes Verhalten, um unsere Auseinandersetzung mit dem Mainstream, dem gesellschaftlichen Konsens. Sind wir naive Apologeten oder unterziehen wir ihn einem permanenten Prüfungsprozess? Werden wir in naher oder ferner Zukunft uns selbst im Urteil kommender Generationen als Versager von Heideggerscher Dimension wiederfinden, die es besser gewusst hätten haben sollen?

Oder können wir uns in Kritik und Reflexion aus dem Kontext lösen, den Anspruch an uns selbst stellen, unsere Situation im Rahmen unserer Erkenntnis wahrhaft und mit dem erreichbaren Maß an Moral und Ethik zu entwickeln und zu beurteilen? Können wir aus der langen Entwicklung der Sichtweisen, den Eckpfeilern, die wir als unveräußerliche Rechte bereits definiert haben, können wir in der Synthese des uns bekannten ein Anspruchskonstrukt schaffen, dem eine Annäherung an das Absolute und Letztgültige gelingt? Können wir uns aus der Umklammerung des Alltags, des Zeitgeistes lösen und das zeitlos Gültige schaffen? Oder versagen wir auch, bleiben gefangen in unserer Lebenswelt, innerhalb unseres Erfahrungshorizonts, wagen und schaffen den Blick über den Rand nicht?

Der Blick auf die Gesellschaft und ihr Verhalten zeigt, dass wir nicht nur den Blick über den Rand nicht wagen, sondern auch innerhalb unserer Sichtweite versagen und uns bereits bekannter Erkenntnis verweigern.

Nur so ist das Schweigen über und Dulden von GCHQ/NSA, die Lager in Lampedusa, dem erstarkenden Faschismus in Europa und dem Neo-Kolonialismus (Krim, Irak, Kamerun) zu deuten. Hier versagen wir, hier lädt die jetzt lebende Generation das Urteil der kommenden auf die eigenen Schultern. An dieser Stelle ergeben wir uns den dunklen Seiten des Mainstream. 

Auch deshalb kann die Diskussion um Heidegger nie beendet werden. Heidegger ist in diesem Fall nicht nur das Individuum, nicht nur eine Person die als Mensch versagt, nein, er ist das Prinzip des Konventionalisten, des Angepassten - ein Archetyp, der sich von der Prägung und der Gesellschaft seiner Vätergeneration nicht lösen kann. Wenn Heidegger diskutiert wird, dann wird auch die Blindheit des Menschen diskutiert, dessen Augen von gesellschaftlichen Konventionen und dem daraus entstehenden Konsens geblendet sind. 

Das soll Aufforderung an uns alle sein, nicht zu erstarren, nicht mit der Kritik inne zu halten, nicht den gegenwärtigen Zustand als allein selig machenden Endzustand zu betrachten. Wir müssen auch akzeptierte und als gut empfundene Werte und Konventionen permanent in Frage stellen. Wir können es uns nicht in dem Erreichten bequem machen und es als der Weisheit letzten Schluss betrachten. Denn nur eines ist gewiss, der Wandel, die Veränderung. Wenn wir das nicht akzeptieren und in unserem Denken und Handeln berücksichtigen, dann machen wir uns genau des selben Versagens schuldig wie Heidegger. 

Heidegger ist kein Zeitgenosse - aber die Zeitgenossen könnten Heideggers sein.


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