Menschen in Schubladen-Haltung


Es war zu Zeiten unserer Vorväter, als Menschen neben vielen anderen Einstufungen auch in die Schubladen der Heroen und Schurken gesteckt wurden. Aber mit dem entstehen der Epistemologie reifte auch die Sicht des Menschen, die alte und religiös bedingte Aufteilung in Gut und Böse wich der Ambivalenz, der Vielfalt, den Myriaden an Shades of Grey. Die Welt wurde nicht komplexer oder komplizierter, nur unser Wissen über sie und unser Grad an Erkenntnis. 

Dass diese Erkenntnis über die Erkenntnis, über den Mensch und sein Wesen und damit das Wesen der Welt, der Gesellschaft und des ganzen Rests schon seit dem 17. Jahrhundert besteht und stetig verfeinert und vertieft wurde, das kümmert immer noch viele Mitmenschen nicht. Das Einsortieren in wenige Kategorien, in Ja/Nein, in Entweder/Oder und ähnliche Schubladen wird fröhlich und unbekümmert gepflegt. Allem Wissen, aller Erkenntnis, allem Geist der Aufklärung entgegen.  

Schlussendlich sagt dieses Kategorisieren und Einteilen anderer Menschen mehr über die aus, die einteilen, als über die Eingeteilten. Die Veränderung der Etiketten auf den Schubladen erzählt vom Wandel der Gesellschaft, dem Wandel der Sichtweisen. Auch von der Sicht auf sich selbst.

Wer andere in eine Schublade stellt, in der er sich selbst offensichtlich nicht sehen will, der stellt sich selbst in die andere Schublade, denn in dieser schlichten Schwarz-Weiß-Sicht der Dinge gibt es immer nur ein Schubladenpaar. Man ist in der einen oder der anderen. Dann passiert es, dass eine Gruppe von Menschen eine Schublade namens "Gutmenschen" schafft, den Begriff abschätzig und negativ konnotiert. Aber wer andere "Gutmenschen" nennt, der muss in einer Ecke seines Hirnkastels, wo er die Wörter zusammenbastelt, ein Schild haben auf dem steht, er wäre kein solcher, sondern das Gegenteil, ein "Bösmensch". Oder gibt es den nicht und die andere Schublade ist der "Garnichtsmensch"?

Nietzsche war es nicht, das Zitat "Es ist der Mensch, der stets das Gute will ..." stammt nicht von
ihm. Im Gegenteil, er formuliert ebenfalls die Frage nach der Indifferenz jeder Einstufung.

Das ist die Fragestellung, die die Schaffung der Schublade "Gutmensch" aufwirft. Als  was sehen sich diejenigen, welche andere als solche bezeichnen um sich von ihnen abzugrenzen? Welche emotionalen und sentimentalen Persönlichkeitsverwerfungen müssen stattfinden, damit jemand "Gut" als fragwürdig und bedenklich konnotiert? Welches menschliche Drama verbirgt sich hinter der Entscheidung diese Begriffe und ihre Kombination in den Ruch des Dubiosen und des Unseriösen zu bringen und herabzuwürdigen?


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