Sicherheit oder Freiheit?

Euromaidan - Picture by Michael Kötter - flickr СмdяСояd (CC BY-NC-SA 2.0)

Wenn sich jetzt Pro-Putin- oder Pro-großrussische Demonstranten versammeln, sich generell Faschisten zusammenrotten und andere Menschenfänger reüssieren, dann muss ich immer öfter an F. A. Hayek denken, der schreibt, dass die Menschen sich in der Mehrheit für die eigene Unterdrückung entscheiden werden und für eine Einschränkung der Freiheit. 

Er begründet diese These detailliert - das freiheitlichere System (in unserem Fall die EU) hätte Gesetze, die nur die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen regeln und damit das Leben jedes Einzelnen nur in einem Umfang und einer Art beeinflussen, die nicht vorhersehbar sind. Dagegen seien unterdrückende Systeme (im Falle Osteuropas die Russische Föderation) mit Gesetzen, die das Leben tiefgreifend regeln und viele individuelle Entscheidungen vorweg nehmen, die außerdem das Leben und Verhalten in engen Bahnen bestimmen, diese Gesetze seien ein Garant für Vorhersehbarkeit. Einer Vorhersehbarkeit, die von den Menschen als Sicherheit positiv empfunden würde. 

Im Umkehrschluss erklärt er damit, dass Freiheit nur mit Ungewissheit, Lebensrisiken und fehlender Vorhersehbarkeit erreichbar ist, nicht nur mit diesen Eigenschaften einhergeht. Damit erklärt er die aktuelle Sehnsucht vieler Ost-Europäer nach den Zeiten des Sowjet-Systems, auch nach der Zeit des Kalten Kriegs, nach klaren Fronten, nach eindeutigen Verhältnissen. Und dieser Effekt, diese Sehnsucht, tritt auch in West-Europa auf. 

Ohne Unsicherheit keine Freiheit.

Damit erklärt sich viel mehr als die Vorgänge in der Ukraine. Auch der "War against Terror" ist eine Folge dieser Grundeinstellung vieler Menschen. Dieser Krieg im Schatten wird betrieben, obwohl Klappleitern, Straßenverkehr und ungesunde Nahrung größere Gefahren und Risiken darstellen. Das unzweifelhaft größere Risiko wird in Kauf genommen und das unbekannte Risiko - obwohl erkennbar kleiner - wird gemieden.

Wer trifft die Entscheidungen am Scheideweg - die Irrationalen.

An vielen entscheidenden Wendepunkten der Geschichte - wenn so genannte nationale Fragen anstehen, wenn sich die Richtung einer Gesellschaft neu orientiert, wenn die ganze Bevölkerung Richtungsentscheidungen zu treffen hat - werden große Teile eines Volkes (Hayek spricht von Mehrheiten der Handelnden) sich für unterdrückerische Sicherheit entscheiden. Sie werden in diesem Moment von "Freiheit durch Sicherheit" sprechen. Etwas, das es nicht gibt und nie geben kann.

Erst viel später, wenn die praktische Umsetzung, das Leben in dieser Sicherheit, den Verlust der Freiheit offenbart, dann wird die Unsicherheit als Voraussetzung der Freiheit akzeptiert werden. Zu spät. Die Institutionen der Sicherheit haben sich festgesetzt, die Instrumente der Freiheit sind dem Zugriff entzogen.

Und in dem Umfang, in dem die negativen Folgen einer scheinbaren Sicherheit in Vergessenheit geraten, in dem Umfang wird auch der Wunsch nach dieser Sicherheit wieder zunehmen. Und damit nimmt auch der Ruf nach Unterdrückung wieder zu, nur versteckt in Gestalt vieler repressiver Gesetze. Und dafür ermächtigen Mehrheiten des Volkes Demagogen, Sammlungsbewegungen und Faschisten.

Nachzulesen sind die Argumente in Hayek's Werk "Road to Serfdom" im Kapitel "Planning and the Rule of Law".


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