Einmal zu oft gehört, wieso denn Deutschland noch an Israel zahlt ...


In der anhaltenden Diskussion über den Konflikt, oder kann man ihn Krieg nennen, in Palästina fragen viel zu viele Leute warum Deutschland noch Geld in die Region sendet und direkt oder indirekt Israel unterstützt. Viele heben darauf ab, dass sie lange nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden und dass sie nichts mit dem Holocaust zu tun hätten. 

Aber es heißt "Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen" und Deutschland ist dabei nicht nur mitgegangen, sondern forsch und schnieke vorausmarschiert. 

Deshalb kommt auch das "Wir" zum Tragen. Dabei geht es nicht um die Verantwortung der heutigen Generation für die Taten anderer, sondern um die Subsumierung des Nationalen, des Volkstümlichen, des in der Gemeinschaft Erlebten, sowie die Teile davon, die über die Zeiten hinweg wirken.

Und so wie viele Stolz aus den 54er-Weltmeistern ziehen, obwohl sie damals noch nicht geboren waren und trotzdem eine Gänsehaut bekommen wenn Herbert Zimmermann "Rahn schießt, TOOOOOR! TOR! TOR!" in sein Mikro schreit, so sollten sie Scham über die Geschehnisse zwischen 1932 und 1945 empfinden. Nein, Mit-Verantwortung für die braune Vergangenheit tragen nur die, die vor 1926 geboren wurden und die volle Verantwortung auch nur die, die selbst aktiv handelten. Genauso ist es mit der Verantwortung für Benedikt XVI. oder Götze's Schuss. Keiner war im Konklave oder auf dem Platz, von den deutschen Kardinälen und der Nationalmannschaft und ihrem Tross abgesehen. Es geht nicht um Verantwortung für die ferne Vergangenheit vor unserer Geburt, aber um Geschichte, Identität und Verpflichtungen aus dem was man gemeinhin das Erbe einer Nation nennt. 

Wir haben als Gemeinschaft von Bürgern nicht nur die Vorteile aus der Benz'schen Motorkutsche geerbt, die Musik von Beethoven oder die Gedichte von Heine, nein, wir haben mehr geerbt. Wir haben die Idee des Kadavergehorsam, der Sippenhaft, der ethnischen Säuberung und der Vernichtungslager ebenfalls geerbt. Und den zweifelhaften Ruhm auch das grauenvollste Handwerk mit Präzision, Organisation und Akribie zu erledigen.

Es gibt diesen zynischen Witz über den Teufel, der die neuen Seelen begrüßt und ihnen ewige Arbeit in den heißen Teergruben in Aussicht stellt. Da erhebt sich eine Stimme: "Wo sind die Schaufeln, wann können wir anfangen, je früher wir beginnen desto eher ist die Ewigkeit vorbei." Und der Teufel rauft sich die Haare und sagt, "Nein, nicht schon wieder ein Deutscher." Es ist Teil der nationalen Identität geworden, im Guten wie im Schlechten.

All diese Aspekte sind Teil des "Wir", und dieses "Wir" ist unteilbar. Wer Teil der deutschen Kulturgemeinschaft ist, steht auf allen diesen Fundamenten, den glänzenden, den gewaltigen,  den lustigen, den schönen, den ekligen, den abscheulichen und auch den unbedeutenden und kleinen. Zum Stolz auf die einen, gehört die Scham auf die anderen. 

Und zur Scham gehört es die Erinnerung zu akzeptieren, Konsequenzen zu ziehen und die Ursachen nicht erneut geschehen zu lassen. Sei im Kleinen nicht nochmal im Suff ohne Hose über die Straße zu wanken, sei es im Großen aus Enttäuschung und Verbitterung über soziale Zustände, verklärte Erinnerungen von der guten alten Zeit und Wunschträumen von einem perfekten Staat, einem Wolkenkuckucksheim, nicht noch einmal eine Partei zu wählen, die allen alles verspricht. 

Und zur gleichen Scham gehört es die Folgen der Vergangenheit zu tragen. So wie wir mit Stolz und Freude die Früchte der deutschen Exporte hinnehmen oder direkt davon profitieren, dass in der Vergangenheit eine technophile Gesellschaft die Basis für Wissenschaft und Industrie schuf. Genauso müssen wir auch die Existenz Israels als Folge des Holocaust akzeptieren. Und beides ist nur ein kleiner Teil aller Folgen der Vergangenheit.

Denn das ist sicher, ohne den Krieg und Holocaust gäbe es kein Israel, keine Vertreibung der Palästinenser und keinen Konflikt (dieser Art in dieser Region).

Und da sind wir bei Russland und auch seiner Rolle in Palästina. Welche Rolle spielt Russland im dunkelsten Kapitel der deutschen Vergangenheit? 

Ohne das vorab stattgefundene Gekungele zur Teilung Polens im Ribbentrop-Molotow-Pakt und andere Absprachen zwischen Stalin und Hitler hätte es nie einen Krieg gegeben. Nicht in der Form, nicht in dem Ausmaß und nicht mit den Folgen. Und wie hat Russland seinen Teil getragen? Scham? Rückgabe der besetzten polnischen Gebiete an Polen? Einstellung der Judenverfolgung?

Russland wurde nicht überfallen, es wusste von Anfang an auf was es sich einlässt, Stalin und Hitler kannten sich, die beiden Arbeiterpartei-Führer aus Braunau am Inn und aus Gori, bzw. aus Berlin und Moskau, haben diesen Krieg gemeinsam und in Absprache begonnen. Nicht zu vergessen, Stalin hat mit der Vernichtung seiner jüdischen Mitbürger schon in den 20ern begonnen und bis zu seinem Tod weiter gemacht. Nicht so perfekt, perfide, pervers wie die Nazis, aber mit der selben rassistischen Grundhaltung. Und vielleicht als Vorbild für die braunen Genossen.

Und genau da ist der Punkt mit der Verantwortung, auch Russland hat ein Fundament das Teile aus glorreicher und aus schrecklicher Vergangenheit besitzt. Und auch Russland hat Grund zur Scham. Offiziell hat man 4 Millionen Opfer der stalinistischen Säuberung eingestanden, Schätzungen gehen über 22 Millionen bis zu 60 Millionen. Verantwortung Deutschlands gegenüber dem damaligen Buddy, der bei den Gräueln mitgemacht hat? Seinen Faschismus fast ein Jahrzehnt länger seine blutige Spur hat ziehen lassen?

Ja, da gibt es Verantwortung. Deutschland hat die Verantwortung Russland zu mahnen seine eigene dunkle Vergangenheit anzunehmen und die Folgen zu tragen. 

Wieso sind Scharen von russischen Spezialisten im Gaza-Streifen gewesen (oder noch dort)? Wieso wurde Ahmed Dschabari mit einem russischen Maschinengewehr in der Hand beerdigt? Russland hätte allen Grund zu den Folgen seiner anti-semitischen Vergangenheit zu stehen und Öl auf die Wogen statt ins Feuer zu gießen.

Gerade an diesem Beispiel sieht man wie wichtig es ist die Vergangenheit zu akzeptieren, sie nicht zur verschwiegenen Schande werden zu lassen, sondern sie mit Scham aktiv anzunehmen und aus ihr zu lernen.

Wer sie schamlos ignoriert ist ein Rosinenpicker. "Wir" sind alle Auschwitz, weil wir alle die Erben sind von Menschen, die dort waren, entweder auf der einen Seite des Stacheldrahts oder auf der anderen. Weil der Dreck und die Folgen der Schande noch nicht weggeräumt und erledigt sind. Keiner kann sagen er käme aus einer Welt, die auf der Zaunkante gestanden hat.

Die Frage ist nicht, warum Deutschland noch Solidarität zeigt. Die Frage ist, warum die anderen, die zu lange zugeschaut haben oder sogar mitgemacht haben, heute Ignoranz walten lassen und so Freiräume schaffen, dass das gleiche unsägliche Grauen wieder sein Haupt erhebt.




Ich möchte noch hinzufügen, dass ich das aktuelle israelische Vorgehen im Gaza-Streifen nicht billige und für gut befinde. Genauso wenig erhebt diese Distanz zum Vorgehen Netanjahus die Palästinenser oder die Hamas zu Opfern. Opfer zu sein ist kein Privileg und verschafft keinen Anspruch auf Vorrechte.

Das Vorgehen Putins bei der Annektion der Krim zählt auch in diese Kategorie mangelnder Scham und dinosaurierhaftem Agieren.


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