Direkt zum Hauptbereich

Der schleichende Staatsstreich

Kreml (pixabay/takazart/PubDomain)

Im Licht der aktuellen Enthüllungen über russisches Militär in der Ukraine bleibt mir nur ein Schluß, der schleichende Staatsstreich gegen Wladimir Putin geht in Russland in die nächste Runde.

Die realen Geschehnisse stehen diametral zu den Verlautbarungen der Kreml-Spitze, zu den öffentlichen Erklärungen Putins. Militärische Kommandeure aus den Regionen haben hier selbst das Heft des Handelns in die Hand genommen und sind mit den Einheiten, über die sie verfügen, in die Ukraine einmarschiert.

Dies ist keine Intervention der Russischen Föderation im Nachbarland, keine Invasion Russlands in der Ukraine. Hier schlägt nicht die gewaltige Macht des großen Imperiums im Nord-Osten zu um die revoltierende Bezirke der Ukraine vom Mutterland zu lösen, hier probiert kein Hasardeur im Präsidentenamt wie weit er gehen kann. 

Hier wird ein Signal des militärisch-industriellen Komplexes Russlands an den Kreml geschickt. Hier zeigen die nationalistischen Kräfte, UdSSR-Nostalgiker und Stalin-Fanboys, welche Ansichten sie von der Zukunft des Rossiyskaya Imperiya haben. Sie schaffen Fakten, stellen Putin vor vollendete Tatsachen und bringen ihn in Zugzwang. 

Will er sein Gesicht nicht verlieren und damit den Rest seiner Macht preisgeben, muss er gute Miene zum bösen Spiel machen, muss mitspielen.

Diese Kräfte, deren Existenz und Einfluss offensichtlich ist, haben eine andere Agenda. Und sie sind nicht Teil des Moskauer Establishments, nicht Teil der regierenden Partei und in der Duma nur eine Randerscheinung. Wie Stalin sind sie eher aus den ländlichen und schlichten Gegenden am Rande des großen Reiches. Und sie erinnern sich an das halbe Jahrhundert des "Golden Age" des Stalinismus, an eine verklärte Schreckensherrschaft, die sie als "Gute alte Zeit" erinnern, als Zeit der Größe, der Stärke und des Gefühls der Bedeutung und der Macht. Sie ähneln darin vielen Nationalisten und Isolationisten rund um den Globus, seien es "TeaBagger" in den USA oder "AlteNaive" in Deutschland. Aber in Russland steckt mehr dahinter.

Man erinnere sich an Süd-Ossetien und Georgien, was geschah damals in der heißen Phase des Konflikts? Wie agierte Moskau? Wie positionierte sich Putin?

Auch unter den veränderten Rahmenbedingungen im Falle der Ukraine, so wie im Falle der Ukraine die Befindlichkeiten der EU eine Rolle spielen, so spielten damals die Kasachstans eine Rolle. In der globalen Welt mit einer Vielzahl von regionalen Mittelmächten agiert man nirgends im leeren Raum und unabhängig. 

Würde Putin anordnen, dass Truppen die Grenze überqueren, während er gerade eine Erklärung vor internationalem Publikum abgibt? Sich selbst zum Narren machen? Seine Glaubwürdigkeit endgültig beschädigen?

Nein, das würde er nicht und es war auch kein Zufall. Dies geschah in voller Absicht, um ihn in schlechtes Licht zu stellen, um Druck auf ihn auszuüben, ihm zu zeigen: "Schau was wir können, wir haben dich an den Eiern."

Meine Ansicht und Deutung der Geschehnisse geht darauf hin, dass hier Kräfte am Werk sind, die ihm und den herrschenden Kreisen im Kreml ein Signal senden wollen. Zeigen welche Möglichkeiten sie haben und dass man sich mit ihnen arrangieren sollte, sie agieren lassen muss oder ihnen gar einen Teil der Macht überlassen soll.


Das sind die Kreise, die über Macht und Einfluss in Regionen fern von Moskau verfügen. Männer und Frauen, die auch zu den mafiösen Organisationen gehören, die an der Korruption maßgeblich beteiligt sind und davon profitieren, die die Schattenwirtschaft repräsentieren. Sie fühlen sich durch Putins Aktivitäten bedroht, fürchten geordnete Verhältnisse nach nordeuropäischem Vorbild. Für sie war auch die Ukraine eine Aktionsfeld, dessen Verlust sie nicht akzeptieren wollen. Es sind auch Freunde von Wiktor Janukowytsch und seines Umfelds, die die zurückhaltende Reaktion Putins als Verrat an der gemeinsamen russischen Sache betrachten.




Diese machtbesessenen Gruppen mögen sich nicht verschworen haben, mögen sich nicht koordinieren, sie nutzen aber die Gunst der Stunde um das Geschehen für sich zu nutzen. Und da sich die Situationen allen gleich darbietet, agieren sie wie ein Schwarm und der Kreml mit Putin an der Spitze ist ihr natürliches Ziel. Die Konflikte in der Ukraine sind nur Mittel zum Zweck.

Es ist die nationalistische Grundströmung in Russland, die Nostalgie gegenüber den scheinbar guten Zeiten der UdSSR. Diese Verklärung der Vergangenheit, bis hin zur Heroisierung des Massenmörders Stalin, lässt sie die öffentliche Meinung als Werkzeug benutzen um Druck auf den Kreml auszuüben. Damit wird Putin gezwungen Positionen einzunehmen, die sie vorgeben, um nicht als machtlos dazustehen, den Kontrollverlust einzugestehen und damit eine Entwicklung auszulösen, die so in der Vergangenheit bereits Jelzin und Gorbatschow aus dem Amt gespült hat. Herr des Kremls ist nur wer als starker Mann erscheint und dessen Macht nicht in Frage gestellt wird. 

Oder glaubt jemand, wenn der Kreml das organisiert hätte, dass dann Kommandeure der Milizen auf der Krim in den ersten Tagen ihre Masken anscheinend zufällig abgezogen hätten um als Angehörige tschetschenischer OMON-Truppen identifiziert zu werden? Und dass es ausgerechnet nur solche Milizionäre waren, die von YouTube-Videos früherer Einsätze als solche zu identifizieren waren, keine Unbekannten im internationalen Söldner-Gewerbe? Und die Mengen an bewaffneten Fahrzeugen und Material, deren Alter und Beschaffenheit, im Vergleich mit dem humanitären Konvoi? Das sind Signale, Symbole, aber nicht an die internationale Gemeinschaft gerichtet, die damit eher ein Problem hat und das ist den handelnden Russen bewusst. Das sind Signale und Handlungen, die nur bei der Ausrichtung nach innen, in den politischen Raum Russlands Sinn machen.



Putin hat ein Netzwerk aus Kumpels ausgebaut, die in der Großindustrie, dem Bankensektor und der staatlichen Verwaltung das Sagen haben. Und andere denken, sie haben auch ein Stück vom Kuchen verdient. Regionale Kommandeure, Gouverneure, Mafiosi, Warlords, Unternehmer, eine ganze Menge Leute. Im Grunde ist es eine übliche und immer wiederkehrende Erscheinung, wenn große Imperien in einen Zustand geografischer Überdehnung kommen. Die Peripherie nicht mehr eng in die Machtmechanismen der Zentrale eingebunden ist. Zu Zeiten der UdSSR gab es einen ständigen Fluss und Austausch an Personen zwischen den einzelnen Sowjet-Republiken und der Moskauer Zentrale. Jeder konnte die Möglichkeit und die Chance für Aufstieg und Teilhabe an der Macht sehen. Seit Putins erstem Amtsantritt ist dies ins Stocken gekommen. Im Kreml ist ein homogener und hermetischer Machtapparat entstanden. Da gehören die "Provinfürsten" nicht mehr dazu und sie sehen auch keinen Zugang in der Zukunft. Im Gegenteil, die Aktivitäten Putins "westliche" Standards bei der Bürokratie, gegen Korruption und im Finanzwesen und beim Fiskus einzurichten, sehen sie als Kampfansage.

Jetzt wird über Bande zurückgespielt. 

Man kennt diese Entwicklungen aus dem Römischen Reich, aus dem mandschurischen Kasierreich und aus der Endphase der UdSSR. Es sind die typischen Zeichen der geografischen Überdehnung eines Staatswesens. Da unterscheiden sich die Moskau-fernen Teile Russlands nicht von den britischen Kolonien in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Solange die militärische Macht der Zentrale untersteht, kann die latente Gewaltandrohung das System zusammenhalten. Aber mit den regionalen Konflikten an den Außengrenzen Russlands ist einiges an Material in die Hände der Provinzfürsten gekommen, wurden regionale Kräfte ausgebildet und geschult. Nun werden diese begrenzten Mittel eingesetzt um über den Hebel der internationalen Auswirkungen einen Zugang zur Zentralmacht zu bekommen und einen Platz am Futtertrog der Macht zu bekommen, Teil des Inneren Zirkels zu werden. 


Dieser Beitrag beruht auf einem Google+ Post vom 28. August 2014.


Beliebte Posts aus diesem Blog

Bleigießen - Orakel und Symboldeutung

Das Bleigießen ist ein jahrtausendealtes Ritual zum Wahrsagen. Es sollte Warnungen und Hilfen geben in Zeiten des Wandels. Wurde es bis zum ersten Weltkrieg gerne vor Verlobungen, vor der Emigration oder anderen Lebensentscheidungen benutzt, so ist es heute hauptsächlich ein Partyspaß an Silvester, um einen Blick aufs kommende Jahr zu werfen.

Bis ins 19. Jahrhundert war es ein billiges Wahrsageritual, gegen das die christliche Kirche keine großen Vorbehalte hatte. Das Bleigießen war preiswert, das benötigte Material fand sich früher in jedem Haushalt. Heute würde man kein Blei mehr im Haus finden und auch die fertigen Sets zum Bleigießen enthalten kein Blei mehr. Es sind meist unbedenklichere und trotzdem leicht schmelzbare Metalle wie Zinn-Legierungen.
Was brauchst Du dafür?
"Bleifiguren" - aus Gesundheitsgründen bestehen sie heute aus Zinnlegierungen
(deshalb, kein richtiges Blei verwenden, falls man noch Abfallstücke herumliegen hat - giftig!)hitzebeständiger Metall-Löffel,…

Schmand-Borschtsch vom Schwarzen Meer

Schmand-Borschtsch war das erste typische Schwarz-Meer-Rezept, das ich bei meiner Frau und ihrer Verwandschaft kennen lernte. Ein Gericht, das die Küchen Rumäniens, Russlands und der schwäbischen Herkunft der Siedler vereinte.

Aber der Borschtsch wäre nicht mehr das, was es früher einmal gewesen wäre, klagten die älteren Familienmitglieder. Das Fleisch wäre nicht mehr so, man bekäme nicht mehr die gleichen Knochen und die Rinder würden zu jung geschlachtet. Die Unterschiede und was man vermisst wurden genau beschrieben. Für mich war das der Anlass nach den Ursachen zu suchen und ein angepasstes Rezept zu entwickeln.
Der Tipp mit dem Schlachtalter und den Knochen war ein erster wesentlicher Schritt. Wurde historisch die Hochrippe mit Fleisch und Knochen verwendet, die beim älteren Rind eine ganz andere Struktur und Faserigkeit zeigt, so findet sich ein vergleichbares Fleisch heute bei Rindfleisch mit 12-20 Monaten Schlachtalter eher in der Wade. Selbst Freilandtiere aus Bio-Haltung ha…

Parmesan-Cracker

Diesmal gibt es gleich zwei Rezepte in einem. Mit dem gleichen Basis-Teig kann man sowohl die Kräuter-Ausführung als auch die Variante mit Paprika backen. Ich teile den Teig immer in zwei Teile, mache dann mit einer Hälfte die Paprika-Variante (Paprika-Menge halbiert) und mit der anderen die Kräuterkekse.
Der Grundteig hat folgende Zutaten:
250 g Dinkelmehl 630 120 g Sauerrahmbutter, zimmerwarm 140 g Parmesan, fein gerieben oder in der Moulinette zerkleinert 120 g Sauere Sahne 1/2 TL Salz 1/4 TL feingemahlener weißer Pfeffer 1/4 TL Bockshornklee, gemahlen 1/4 TL Kurkuma
Aus diesen Zutaten einen Teig kneten, eine 3 cm dicke Rolle formen, in Küchenfolie einwickeln und mindestens 1/2 Stunde in den Kühlschrank legen.
Für die Paprikavariante braucht man noch 100 g Mini-Paprika. Gemüsepaprika haben eine zu dicke Wand und die Kekse sind dann nicht haltbar, vielleicht bekommt man Roma- oder Spitzpaprika mit dünner Wand, dann kann man die auch nehmen. Jedenfalls muss man sie in Streifen schne…