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Die Geister, die keiner rief

Bundesarchiv, Bild 183-1990-0625-029 / Uhlemann, Thomas / CC-BY-SA 3.0

Wolfgang Leonhard ist tot. Als Jugendlicher habe ich seine Bücher gelesen, genauso wie die von Scholl-Latour über Vietnam, und viele andere Werke ähnlicher intellektueller Publizisten. Ich habe sie geschätzt für die Einsichten, die sie boten.

Heute bin ich verärgert über diese Generation der Publizisten. Warum? Weil sie zu sehr mit der Erklärung des Vergangenen beschäftigt waren, um sich Gedanken über die Möglichkeiten zu machen. Sie hätten das Zeug gehabt Vordenker zu sein, die Gesellschaft weiter zu entwickeln, den nächsten Schritt vorzubereiten, statt nach Erklärungen zu suchen warum wir ständig straucheln. Vorausblick, statt Rückblick.

Wieso haben er und die anderen seiner Generation diesen Schritt nicht gewagt? War es die Urgewalt des 2. Weltkriegs, die alles überschattete und mit lähmender Depression erfüllte, die es durch Erklärung zu überwinden galt? Haben die Intellektuellen sich genauso gescheut Verantwortung zu übernehmen, wie alle anderen Schichten der Gesellschaft auch?

Ist das der Grund? Wie lange war Habermas auf Tauchstation? Wen gibt es außer Meggle und Pogge noch? Und welche Präsenz in der öffentlichen Wahrnehmung haben Philosophen mit ihrer sperrigen und akademischen Kommunikationsweise?

Leonhard hätte das Zeug dazu gehabt eine andere Zukunft mit herbei zu schreiben, nicht durch Reflektion der Vergangenheit, sondern durch Analyse und Diskurs möglicher Zukünfte. Und er war nicht der einzige den dies betrifft.

Wir haben eine riesige Lücke in der geistigen Auseinandersetzung. Den Platz des Welterklärers in der öffentlichen Wahrnehmung Deutschlands hat der Altbundeskanzler Schmidt, wahrlich kein neutraler Beobachter oder kreativer Denker. "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen." Diese Haltung vergiftet und vermauert die deutsche Gesellschaft seit Jahrzehnten. Längst überfällige Diskussionen harren der Aussprache. Lähmung und Verzagtheit hat die geistige Verfassung der Republik bestimmt.

Und Leonhard und andere haben sich eingefügt. Sichtbar waren allenfalls die Polterer, die Trolle des realen Lebens, aber keine Geistesgrößen mit Visionen, die auf den Arzt geschissen hätten und das Wort als Schwert führten.

Der Muff von 1000 Jahren hat sich nie unter den Talaren befunden, er hat den gesamten öffentlichen Raum beherrscht. Den Gedankenraum einer Republik, die sich mehr über die Aufstellung der Nationalmannschaft kümmerte als die stärker werdende Spaltung in arm und reich, mehr um die Höhe der Rente als den Mindestlohn. Wo die Diskussion um Sterbehilfe ausgerechnet von einem Mann wie Peter Hintze symbolisiert wird.

Irgendwo im Verborgenen wurden die notwendigen Gedanken gedacht, verhallten ungehört, es war an Männern wie Leonhard sie zu den Menschen zu tragen.

Vor 40 Jahren war ich froh eine Vergangenheit ein Stück weit erklärt zu bekommen, über die die eigenen Eltern schwiegen, zu der klare Worte notwendig waren. Vor 40 Jahren.

Vor 25 Jahren wäre es Zeit gewesen trotz Wiedervereinigungstaumel die Frage nach der Zukunft und nach dem Weg zu stellen. Aus dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes eine neue Welt zu definieren. Nicht nur ein Weiter-so.

Ja, ich bin sauer, verärgert. Nicht auf Wolfgang Leonhard, er war ein Großer, ein Könner, aus der Zeit aus der er kam, war er ein Gefangener der Erinnerung an den Schrecken. Er hatte ihn erlebt in vielen Facetten. Nein, ich bin auf die sauer und verärgert, die ihm nicht nachfolgten, die nicht die Arbeit fortsetzten über das Jetzt hinaus.

Wo ist in den Sendeanstalten ein Publizist von Format, der sich dieser Aufgabe widmet? Ein Sendeformat? Wo in den Printmedien, mit Breitenwirkung außerhalb akademischer Zirkel?

Die Lücke die mit Leonhards Tod aufgeht ist symptomatisch, steht stellvertretend für eine klaffende Wunde in Publizistik und Philosophie, nicht nur Deutschlands.

Gibt es noch Hoffnung? 





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