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Carl Hans Lody - Spion seiner Majestät des Kaisers

Carl Hans Lody

Heute am 6. November vor hundert Jahren wurde Carl Hans Lody hingerichtet, ein Spion seiner Majestät des Kaisers. Er war der erste Spion, dessen Existenz und Identität öffentlich wurde und der wegen Hochverrat ein öffentliches Verfahren bekam. Er sollte auch der letzte bleiben, alle nach ihm wurden in geheimen Verfahren verurteilt und zum Teil ebenfalls hingerichtet.

Lody war eine gescheiterte Existenz, hatte mehrere Berufswechsel hinter sich. Davon war nur die Tätigkeit zur See nachhaltiger gewesen, blieb ihm aber in der Zukunft wegen seiner nachlassenden Sehkraft versperrt. Frisch von einer Amerikanerin geschieden war er auf der Suche nach beruflichen Perspektiven. Da ergab es sich, dass ein Bekannter aus Marinetagen Gründer und Direktor des Marinegeheimdienstes wurde, Fritz Prieger. Diesen sprach er im Frühjahr 1914 auf eine mögliche Verwendung im Ausland an und trat dann im Mai 1914 freiwillig in die Dienste des neugeschaffenen Marinenachrichtendiensts. Sein erster Auftrag war es sich mit Flottenbewegungen möglicher Kriegsgegner zu beschäftigen.

Um seine Aufgabe und Zielsetzung zu verschleiern besorgte er sich eine Tarnexistenz für die er sich den Namen "Charles A. Inglis" ausdachte. Er sprach beim amerikanischen Konsulat in Hamburg vor und gab an seinen Pass verloren zu haben, worauf man ihm ohne weiteres einen Ersatzausweis von der Botschaft in Berlin kommen lies (siehe Bild unten) und ihm so die nötige Starthilfe gab. Unbekannt ist, ob dies so problemlos möglich war, weil Deutsch-freundliche und -stämmige Kräfte in den US-Regierungsbehörden kooperierten oder ob es trotz der steigenden internationalen Spannungen die Gutgläubigkeit des Biedermeiers war, wir wissen es nicht und die betreffenden amerikanischen Akten sind noch nicht einsehbar.

Geld in größerer Menge bekam er von seinem Arbeitgeber, dem Marinenachrichtendienst. Seine erste Reise unter neuem Namen führte ihn zur Verschleierung seiner Herkunft nach Südfrankreich. Im August 1914 ging es weiter über das neutrale Norwegen (Bergen) nach Großbritannien, um dort möglichst nah an sein eigentliches Ziel, die Marinebasis in Edinburgh-Leith, zu kommen. Der MI5 konnte viel später ermitteln, dass er Ende August über Newcastle nach Großbritannien einreiste und sich eine unbefristete Hotel-Unterkunft in Edinburgh anmietete.


Am Firth of Forth, der Meeresbucht nördlich von Edinburgh, lagen nicht nur Handelshäfen und Marinebasen, die für den Krieg wichtig waren, sondern das Gewässer war und ist der Zugang zu den Industriezentren mit Kohle- und Metallverarbeitung im britischen Norden. Dort gab es die wichtigste Brücke nach Schottland, starke Artilleriestellungen und weite Bereiche der Bucht waren vermint. Lodys Aufgabe war es Umfang, Bewegungen und Ziele der Flotteneinheiten auszuspähen und Verlust- und Schadensangaben aus Gefechten zu verifizieren. Notwendige Reparaturmaßnahmen an britischen Schiffen, deren Bindung an die Docks und eine Rückkehr in den Kampfeinsatz waren die Aufklärungsziele Lodys.

Da das Geheimdienstmetier noch neu für die deutsche Admiralität war, wenig Erfahrungen vorhanden waren und frühere Missionen unorganisiert von verschiedenen Reichsministerien eher dilettantisch durchgeführt wurden, konnte man Lody weder adäquat ausbilden, noch anderweitig auf seine Aufgabe vorbereiten. Er war auf sein eigenes Geschick und seine eigenen Ideen zu Tarnung, Täuschung und Informationsgewinnung angewiesen. Er verfügte nur über einen simplen Code zur Verschlüsselung seiner Kommunikation, die über einen scheinbar unauffälligen Country Club lief, an den er kodierte Telegramme und Briefe schickte.

Umschlag eines der abgefangenen Briefe an die Stockholmer Kontaktadresse

Manchmal sendete er Nachrichten unkodiert und im Klartext, ohne jede Vorstellung, dass der britische Inlandsgeheimdienst Post und Telegrafie überwachen könnte. Es war diese Naivität des Neulings eines unerfahrenen Dienstes, die ihm zum Verhängnis wurde. Dabei war seine Aufgabe denkbar simpel und einfach, weshalb man sie einem schlichten Gemüt wie ihm auch zutraute. Er brauchte nur mit dem Bus von seinem Hotel an die Küste zu fahren und konnte von dort, ohne aufzufallen, die Ankerplätze und Docks der Marine in Leith, Grangemouth und Rosyth beobachten. Am 5. September versenkte ein deutsches U-Boot an der Mündung des Firth die britische HMS Pathfinder, wobei über 250 Matrosen starben. Ob diese Versenkung Lody angerechnet werden kann ist unklar. Es wurde keine entsprechende Nachricht abgefangen und auch in den deutsche Unterlagen ist hierzu nichts zu finden. Zumal an der Mündung ständig britische Schiffe ein- und ausfuhren dürfte es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Zufallserfolg handeln, der auch jedes andere britische Schiff in diesen Gewässern hätte treffen können.

Auch handelte es sich bei der HMS Pathfinder nicht um ein kriegswichtiges Schiff, im Gegenteil, es war ein kleineres sogenanntes Scoutschiff, ein Aufklärungskreuzer mit beschränkter Reichweite für den Einsatz in der Nordsee. Historische Bedeutung hat das Schiff nur dadurch erlangt, dass es das erste Schiff war, das mit einem Torpedo durch ein deutsche U-Boot versenkt wurde. Seine Aufgabe war es zusammen mit der 8. Zerstörerflottille die Küste zwischen dem Firth of Forth und Inverness im Norden zu sichern. Das Schwesterschiff, die HMS Patrol, sicherte mit der 9. Zerstörerflottille den Bereich bis zur Tyne-Mündung bei Middlesbrough im Süden. 

Aber Lodys machte von Anfang an nur Fehler. Bereits seine erste Nachricht ging an eine Tarnadresse in Stockholm, die dem MI5 als Sitz eines deutschen Agenten bekannt war. Damit wurde die Überwachung ausgelöst und die Post-Zensur alarmiert entsprechende Nachrichten abzufangen. Vermutlich wurde seine komplette Korrespondenz ab diesem Zeitpunkt abgefangen und war der Beleg, dass in Edinburgh ein deutscher Spion tätig war. Ob die Briten die Nachrichten manipulierten oder unverändert weiterleiteten ist unklar. Dass er diese Briefe teilweise mit "Nazi" zeichnete hatte nichts mit der (damals noch nicht gegründeten) NSDAP zu tun, sondern mit seinem Agentennamen "Ignatz", für den "Nazi" damals die Kurz- und Koseform war.


Die andere Briefe unterzeichnete er mit seinem Tarnnamen "Charles Inglis". Damit wusste der MI5 unmittelbar nach wem sie suchen mussten. Ungeschickter kann man die eigene Tarnung nicht auffliegen lassen. Wer sollte glauben, dass ein einfacher amerikanischer Tourist Briefe auf Deutsch über Flottenbewegungen an einen deutschen Agenten in Stockholm schickt.

Nur von einer nicht nur abgefangenen sondern auch manipulierten Nachricht weiß man heute, bei dieser hat der MI5 die Information eingefügt, dass größere russische Truppenkontingente gelandet wären um an die Westfront verlegt zu werden und dort gegen das Kaiserreich zu kämpfen. 


Am 12. August 1914, eine Woche nachdem Großbritannien dem Kaiserreich den Krieg erklärt hat, beschließt das britische Parlament den _Defense of the Realm Act_ (DORA) mit dem man die Sicherheit an der so genannten Heimatfront verbessern will. Mit diesem Gesetz konnte die britische Regierung Rohstoffe, Lebensmittel und Grundstücke sowie Gebäude für Kriegszwecke requirieren. Das Gesetz erlaubte auchdie Anwendung von Zensur und die kontrollierte Bewirtschaftung der Arbeitskräfte des Landes. Zusätzlich erklärte es die Weitergabe von Informationen, die den Kriegserfolg Großbritanniens gefährden, zu Hochverrat. Damit waren Spione erstmals mit der Todesstrafe bedroht. 

Ob dies der Grund für Lodys Ortsveränderung war wissen wir heute nicht. Am 29. September reiste er über den Hafen Liverpool nach Dublin in Irland. Von seinen Beobachtungen auf dieser Reise erstellte er einen Bericht, den er unkodiert auf deutsch an seine Kontakadresse schickte. Post-Zensoren fingen den Brief ab und leiteten ihn an den MI5 weiter. Da dieser Brief erstmals kriegsrelevante Informationen enthielt, wurde Lody neu eingestuft, seine Gefährlichkeit und Bedeutung war gewachsen und der MI5 ordnete seine Verhaftung an. Damit war seine Agentenkarriere beendet bevor sie richtig begonnen hatte. Sein Scheitern und seine Nutzlosigkeit, die im letztlich überflüssigen Tod endete, waren durch die unprofessionelle Arbeit seiner Dienststelle und des ganzen Marinegeheimdienstes vorbestimmt.

Als die Polizei ihn am 2. Oktober 1914 festnahm, fand sie in seiner Kleidung eine Rechnung seines Schneiders mit seinem wahren Namen und seiner Adresse in Berlin. Er wurde nach London gebracht und dort wegen "War Treason" gemäß des DORA vor Gericht gestellt. Sein Fall war der einzige, der je öffentlich verhandelt wurde. Vor Gericht versuchte Lody vorzutäuschen zum Dienst als Agent gezwungen worden zu sein und verweigerte jede Aussage zu seinem Auftrag und seinen Auftraggebern. Er versuchte sich herauszureden, dass er versucht habe aus medizinischen Gründen vom Dienst befreit zu werden und die Kriegszeit in den USA bei seiner Ex-Frau zu verbringen, jedoch zum Agentendienst gepresst worden zu sein.

Dankesbrief von Lody an seine Bewacher im Tower, die auch das Erschießungskommando bereitstellten


Anerkennung erntete er bei den Briten für seine patriotische Haltung und seine Weigerung im Gegenzug für eine Begnadigung Informationen preiszugeben. Heute wissen wir, dass er keine Informationen hatte, die die Briten nicht bereits kannten und sein Beharren sinnlos und dumm war. Aus zeitgenössischer Sicht galt er allerdings als Patriot und Ehrenmann, Anlass für die Nationalsozialisten ihn während des Dritten Reichs zu heroisieren und seine Hinrichtung als Opfertod für Deutschland zu stilisieren. 

Lody, ein Mann, der mehrere berufliche Laufbahnen begann, erfolglos abbrach und für den die Tätigkeit für den Marinedienst eine Gefälligkeit eines alten Freundes war, um ihn wirtschaftlich zu versorgen und ihm ein Leben in Armut zu ersparen. Dieser Carl Hans Lody zahlte einen hohen Preis für seine Naivität.

Lody während der Haft im Tower, in den Tagen vor der Hinrichtung

Heute ist er ein Beispiel, dass Unprofessionalität und Naivität Tradition im deutschen Militär und den Geheimdiensten haben. Und dass manchmal ein Mensch mit seinem Leben für diese Defizite zahlen muss. Und sein Auftrag zur Spionage Monate vor dem Attentat in Sarajevo ist ein Beleg für die Kriegsvorbereitungen der kaiserlichen Militärs. Er ist einer der stummen Zeugen für die Schuld der Habsburger sowie der Hohenzollern und ihrer beider Militärs.


Documents from the Lody case


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