Der Kirschgarten - Schauspiel von Anton Tschechow am NTM










Das Stück, eine Wiederaufnahme aus der vorigen Spielzeit, hat inzwischen über 110 Jahre auf dem Buckel, entstand im Russland der vorrevolutionären Zeit und beschreibt Ereignisse zur Zeit der Jahrhundertwende, den Zerfall der feudalen Strukturen im Zarenreich und die Vorboten der Revolution. Tschechow, ein Zeitgenosse meines Großvaters, stammte wie dieser aus einer Familie von Leibeigenen, seine Sympathien für ein freies Bürgertum, Demokratie und den politischen Wandel sind mehr als verständlich. So ist die aus heutiger Sicht einzig verständlich agierende Figur, der Kaufmann Lopachin, auch Tschechows Sympathieträger gewesen.

Das vom Schauspiel-Intendanten Kosminski inszenierte Stück hat gerade in dieser Hinsicht Modernisierungen abbekommen, die die prinzipielle Haltung Tschechows achten, aber gerade deswegen neue Sichtweisen der Charaktere herausarbeiten. Die ursprünglich lauter und ehrbare Kaufsmannsgestalt steht jetzt als Kapitalist und Oligarch in kritischem Kontext, die Zerstörung des Kirschgartens aus wirtschaftlichen Zwecken wird zum Ökofrevel der Energiebranche, die bourgeoise Nostalgie des Adels zur nostalgischen Naturliebe. Die Familie der Gutsbesitzerin zur Familie weltfremder Opfer des Wandels.

Das verändert einerseits die Sympathien der Zuschauer zu den Protagonisten gegenüber der Urfassung, rettet andererseits die kritischen Aspekte des Stückes in die aktuelle Zeit und lässt so die Zeitlosigkeit mancher menschlichen Schwächen viel deutlicher sichtbar werden. Kosminski inszeniert nicht museal in Text und Form, sondern konserviert den gesellschaftskritischen Ansatz Tschechows, das Vorrevolutionäre und die Zeitkritik.

Und mit einem völlig anders sozialisierten Publikum im Blick macht er aus der komödiantisch angehauchten Tragödie nicht nur eine tragisch angehauchte Komödie, er geht einen Schritt weiter und versetzt das Stück ins Genre des Vaudeville. Gesangseinlagen, Tanzszenen und Slapstick-Squenzen sorgen für Kurzweil. Auch wenn das Stück zwei Stunden ohne Pause dauert und die Umbaupausen mit Musikeinlagen überbrückt werden, so vergeht die Zeit wie im Fluge. Das Tempo ist stimmig, es gibt keine störenden Längen, der Ablauf ist auch für des Stückes Unkundige Zuschauer verständlich. Die Inszenierung ist keine Innovation des Schauspiels, warum auch, sie ist handwerklich gelungene Innovation von Tschechows Kirschgarten. Schon das ist eine Empfehlung wert.

Dazu kommt ein Bühnenbild im Cinemascope-Format, die Florian Etti zwar in der Jahrhundertwende verankert, die aber ebenfalls zeitlos in die Jetztzeit ragt, unprätentiöse Leinwand für das Spiel des Ensembles ist. Die mit den Stimmungen der Figuren und den Aufzügen wechselnden Kostüme schaffen ebenfalls den Spagat zwischen klassischem Bürgertum und aktueller Fashion-Kultur und schließen so nahtlos an das Grundkonzept von Inszenierung und Bühne an. Lydia Kirchleitner stützt damit das Konzept der Inszenierung wesentlich, rundet es ab und vermeidet eine in manche Modernisierungen bei Schauspielen störend auftretende Klüfte. Man merkt, hier ist ein inzwischen eingespieltes Team am Werk, das dem NTM-Schauspiel seinen Stempel aufdrücken wird.


Das Ensemble hat vom Regisseur Platz und Raum bekommen die Figuren deutlich im Charakter zu zeichnen, der Komik Raum zu geben und peinliche Überzeichnungen zu umschiffen. Für die meisten Gesangseinlagen verantwortlich ist Ralf Dittrich, der die Carlotta Ivanova spielt, als Gouvernante aber kaum in Erscheinung tritt, dafür russische Couplets zum Besten gibt. Dann Sascha Tuxhorn als Pjotr Sergejewitsch, den Studenten und Erzieher des verstorbenen Sohns, der als ewiger Student den Existenzialisten und prinzipiellen Revolutionär akzentuiert besetzt. Ihm zur Seite Dascha Trautwein als jüngste Tochter Anja, deren moderne beziehungslose Beziehung bei Tschechow der einzige Lichtblick für die Zukunft war, heute aber nur einen Grad der Normalität abbildet. Manchmal etwas zu exaltiert, aber im Rahmen der Slapstick-Komödie nicht unangenehm. 

Dann Katharina Hauter als ältere Pflegetochter Warja, eine spröde Figur, deren Job als Verwalterin mit dem Zerfall des Gutshofs vor dem Aus steht und deren Zukunft eine freud- und lieblose sein wird. Hervorragend gespielt, die ständig steigende Panik und Zukunftsangst der Warja liegt fühlbar über den komischen Szenen mit ihr und auch die unerfüllte Liebe und latente Verlobung mit dem reichen Kaufmann wird plausibel und mitfühlbar. Reinhard Mahlberg als Bruder der Gutsherrin, zeigt die infantile Seite des nie Arbeit und Existenzkampf konfrontierten adligen Erben, lässt die zutiefst gescheiterte Person im Schatten der Gutsherrin als naiven Tor sympathisch aufleuchten. Als Antagonist steht ihm der Boris Borrisowitsch, ständig ums Überleben kämpfender und mit allen Schlichen und Tricks arbeitender Lebenskünstler, der um die Existenz seines Gutes kämpft. Genial als schmierigen Typ gespielt von Jacques Malan, der für die grenzwertige Figur Sympathien einsammelt, sodass man ihr den glücklichen Ausgang tatsächlich gönnt. 

Dann Sven Prietz, als Kontorist Jepichodow, auf die Slapstickrolle des ungeliebten Underdogs reduziert absolviert er die anspruchvollsten Stunts bravourös, bleibt aber in der Charakterzeichnung farblos. Der Kontorist, der wegen des ruinösen Zustands des Gutes schon keine Arbeit am Arbeitsplatz mehr hat, daraus hätte sich mehr entwickeln lassen müssen. David Müller als Lakai Jascha, selbstbewusst, postrevolutionär, mehr prekär Beschäftigter mit Familienanschluss als Dienstbote, aber den amourösen Nachstellungen seiner Kollegin Dunjascha ausgesetzt, die er nicht erwiedern kann und will um seinen Job nicht zu gefährden. Michaela Klamminger verpasst der Dunjascha ein Tempo, dem sich der Jascha kaum erwehren kann. Da steppt der Bär, der als Teddy des öfteren die russische Seele symbolisieren muss. 

Und der Kaufmann Lopachin, der Weiße Ritter in Tschechows Stück, er wird von Klaus Rodewald mit prallem Leben erfüllt. Ein Workaholic und angehender Oligarch, der den Kirschgarten erwirbt um ihn für die Öl- und Gasgewinnung zu erschließen. Und dann Gabriela Badura als greiser Kammerdiener Firs, in der Leibeigenschaft geboren wie Tschechows Vater ist er neben Lopachin die Stimme der Vernunft und Kosminski betont dies zusätzlich indem Firs den Monolog zum Auftakt und den Epilog bekommt, die Klammer und den Rahmen des Stücks absteckt. Dass der Kammerdiener von einer Frau gespielt wird, verstärkt die resignierende Sanftheit der Figur, der Badura nur dezente komische Anklänge erlaubt um der Tragik der untergehenden Welt, dem Fin de siècle, Geltung zu verschaffen.

Keine der Figuren ist der Unsympath, der Böse im Stück, keine der strahlende Held und weiße Ritter, aber alle sind Menschen, zeigen die menschlichen Schwächen und das Ringen um Stärke, heute wie vor 110 Jahren - Menschen sind Menschen. 

So wie zu Tschechows Zeit sind hier Komödie und Tragödie zusammen einfach - Leben.




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