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Gedanken und Erinnerungen zum Mauerfall



Ein Vierteljahrhundert sind vergangen seit der Nacht in der Hanlon's Razor seine bedeutendste und umfassendste Manifestation erfuhr. Die Mauer fiel in dieser Nacht nicht um, aber sie verlor ihren Sinn, ihre dunkle Magie und ihren Schrecken. Es öffneten sich auch nur die Tore, die bereits da waren - die Löcher wurden erst in den folgenden Tagen und Wochen geschlagen. Diese Nacht sollte sie noch unbeschädigt überstehen, ein letztes Mal.

Ich weiß noch, wie in den Tagesthemen Hajo Friedrichs von den Veränderungen berichtet und ich dann meinte, wenn die Krenz-Leute die Grenze öffnen sind sie doch keine Stalinisten, dann könnte man "drüben" auch mal Urlaub machen, die FKK-Strände an der Ostsee wären idyllisch. Meine Frau meinte ich sollte keine voreiligen Witze machen, in Prag wäre es am Ende auch übel ausgegangen. Das Tian’anmen-Massaker war damals auch erst wenige Monate her und noch frisch in der Erinnerung. Ich hatte diese Skepsis nicht. Im Jahr zuvor war mir schon bewusst gewesen, dass die Dämmerung des sozialistischen Regimes begonnen hatte, Kontakte zur russischen Dissidenten-Szene und erste unzensierte Datenverbindung via Modem zeigten eine klammheimliche Öffnung und einen sich abzeichnenden politischen Wechsel. Im Schatten von Glasnost würde auch ein Honecker'scher Stalinismus light nicht überdauern können. Das war 1988 weit vom Mainstream entfernt, und erste Anfrage bei den Handelskammern bzgl. der Aufnahme regulärer Geschäftsbeziehungen mit der DDR und die Gründung einer Filiale im Osten wurden noch behandelt wie die Absicht grüne Kühe auf dem Mars zu züchten.


Im Verlaufe der Nacht wurde dann laufend aus Berlin vom Grenzstreifen berichtet, ich kann mich nicht erinnern Berichte von den Übergangsstellen an der so genannten Zonengrenze, dem Todesstreifen gehört oder gesehen zu haben. Die Vorgänge beschränkten sich auf Berlin und ich fragte mich, welche Auswirkungen das Geschehen im Rahmen des Vier-Mächte-Status haben würde. War es eine Provokation der Hardliner und der ihnen nahestehenden Grenztruppen? War es ein Appetizer, der das Mögliche ausprobieren sollte? War Krenz das U-Boot einer Großdeutschen Verschwörung? Mangels Google, Wikipedia und nur mit den Recherchemöglichkeiten eines Privatmanns ausgerüstet, nämlich gar keinen oder die Familienmitglieder drüben telefonisch auszufragen, herrschte Rätselraten. Denn ehrlich gesagt, getraut haben wir dem Braten nicht, in jener Nacht. 

Dann wurde von der Pressekonferenz mit Schabowski berichtet und es dämmerte mir. Das ganze Geschehen war echt, aber ein "Betriebsunfall". Und wie die verlorene Jungfräulichkeit würde es auch nicht mehr rückgängig zu machen sein. Vor allem weil sich die erst frisch ins Amt geputschten "Krenzer" damit derart unmöglich gemacht hatten, sich als Dilettanten entpuppt hatten, die sich deshalb auch nicht an der Macht halten würden. Und egal wer nach ihnen kam, er würde keine fest verankerte Basis in Apparat und Partei haben und sich nicht den in Bewegung geratenen Bevölkerungsmassen widersetzen können. Die Grenze würde offen bleiben, selbst die noch geschlossene Zonengrenze würde aufgehen und der Todesstreifen der Vergangenheit angehören. Das war der Moment in der Nacht, in der mich der Hauch der Geschichte frösteln lies.



Denn was würde die Sowjetunion machen, dem Kreml musste klar sein, dass die Öffnung der DDR dem wackelnden sozialistischen Bündnis die Basis entziehen würde, die in Polen und Ungarn begonnene endgültige Entstalinisierung und der Abschied von der Funktionärsdiktatur das ganze System zu Fall bringen würde. Würden die Hardliner ihre Truppen in den Kasernen lassen? Aber wenn nicht, müssten sie dann nicht schon längst rollen? Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass man es an vielen Orten tatsächlich verschlief. Was würde passieren? Würden die Insassen ihr stalinistisches Gulag light mit seinen privaten Freiräumen hassen und massenweise das Land verlassen, nur der Wächterstand zurückbleiben, wie in dem Witz in dem Honecker als Letzter das Licht aus macht? Oder würde es aus Bequemlichkeit weiter existieren und sich nur verändern? Würde es Sonderwirtschaftszonen geben für westliche Unternehmen oder der Sozialismus ganz verschwinden? 


Hunderte Fragen gingen mir in dieser Nacht durch den Kopf, aber alle denkbaren Szenarien waren nicht bedrohlich. Die Nacht war inzwischen alt geworden, und im Bewusstsein, dass es mehr als unwahrscheinlich war, dass es über die Grenzöffnung einen Bürgerkrieg oder gar mehr geben könnte. Beruhigt gingen wir schlafen. Der nächste Tag war ein Freitag, dann würde erst Mal ein Wochenende kommen und dann würde man sehen wie die Montagsdemonstrationen ablaufen würden, die es seit ein paar Wochen gab. In der Zeit würde Gerd Ruge sicher den Stand der Dinge aus Moskau berichten, dann wüsste man mehr.

Dass die Mauer nur ein paar Jahre später mitsamt Todestreifen und der ganzen Grenze Vergangenheit sein würde, eine leicht zu übersehende Markierung am Straßenrand, das konnte ich mir damals nicht vorstellen.


Dass unser Nachwuchs in einer Welt aufwachsen würde, die nicht nur diese innerdeutsche Grenze nicht mehr kennen würde, sondern gar keine Grenzanlagen mehr, das war kein kühner Traum, das war überhaupt keinen Gedanken wert. Aber Dummheit, Unprofessionalität, Zufälle hatten sich an diesem Tag in eine Macht des Schicksals verwandelt, hatten dem Einzelnen das Heft des Handelns entzogen und eine Manifestation des Kollektivs ermöglicht. Es war und ist ein Treppenwitz in der Geschichte, dass das erste selbst entstandene und für alle Zeiten größte Kollektiv der sozialistischen DDR das Kollektiv war, das die Auflösung dieses Staates bewirkte. Und es war in aller Friedlichkeit ein historischer Beweis, dass Emotionen und Ideale, wenn sie sich frei entfalten können, nicht manipuliert oder instrumentalisiert werden, dass sie dann würdevoll, authentisch und ehrlich sind, frei von Aggressionen und Überheblichkeit. Diese Nacht zeigte das Gesicht des ungehemmten und ungebeugten Menschen und es war ein lachendes und freundliches Gesicht.


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