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Wo klemmt es in der kapitalistischen Welt Europas?

Die EZB in Frankfurt - Dreh- und Angelpunkt des europäischen Kapitalismus. 

Der soziale Gap wird größer, die Strukturen des Staates verfallen und stehen unter Beschuss, Schulden bei der öffentlichen Hand und in einer steigenden Zahl privater Haushalte nehmen überhand. Deflation und sinkende Zinsen verunsichern Kleinsparer und Pensionäre. Politische Hasardeure und Bauernfängern wittern Chancen, die etablierten Parteien basteln an dilettantischen Lösungskonzepten. 

Seit einem Jahrzehnt kämpft man gegen diesen Trend an, vergebens. Warum?

Im Moment blicken alle namhaften Akteure an der wahren Ursache des Problems vorbei. 

Alle Ursachen aufzuzeigen ist eine Aufgabe, die mehr Zeit erfordern würde als uns zur Verfügung steht. Und schon gar nicht Platz und Sinn in diesem Blog hat. Ich versuche es verkürzt und vereinfacht zu beschreiben, denn mehr als 50% des Problems liegen bei einem eng umrissenen Mechanismus.

Am Anfang ein Blick auf den Status Quo - die EZB hat die Geldmenge in den letzten Jahren um 300 Mrd. Euro erhöht ohne dass es Inflation gab. Warum nicht? 

Weil dieser neu ausgegebenen Geldmenge ein viel höherer Zuwachs der Werte gegenüberstand. Solange die Neuausgabe von Geld geringer ist als die Wertschöpfung durch die Wirtschaftssubjekte, solange entsteht keine Inflation. Tatsächlich ist die M4-Geldmenge (nicht in der britischen Bedeutung von M3+Quasi-Einlagen, sondern in der klassischen VWL-Form von M4=v(quer)*M3, deshalb nenne ich sie hier M4v zur Abgrenzung) trotz Erhöhung der M3 geschrumpft. Deshalb will die EZB einen exogenen Impuls von zusätzlichen 1000 Mrd. Euro auslösen. Das soll die Balance wieder herstellen, die Probleme prekärer Lebenssituationen und maroder Infrastruktur beheben helfen.

Wird es aber nicht, die M4v-Geldmenge wird weiter stagnieren und der Impuls verpuffen. Warum?

Weil im Wirtschaftskreislauf mehrere klassische Einflussfaktoren zwar noch ihren Platz innehaben, aber ihre Aufgabe nicht erfüllen.

Sinkende Preise, sinkende Reallöhne

Erstens: Der Geldfluss, das Tempo in dem Geld weitergereicht wird, er ist auf weniger als die Hälfte des Wertes in den 1980ern geschrumpft. 

Zahlungsfristen großer Unternehmen sind länger geworden, Banken bunkern Geld statt Kredite zu geben, private Haushalte zögern mit Investitionen, der Staat vermeidet exzessive Schuldenaufnahme um sein Investitionen zu steigern, die Wartungs- und Instandhaltungszyklen werden verlängert. Eine Vielzahl von Maßnahmen und beiläufige Aktionen, oder besser Vermeidung von Aktionen, hemmt den Geldfluss.

Geld ist "zäher", "träger" geworden. Diese v(quer)-Komponente war früher eine Konstante und hat die M4v-Geldmenge wegen der Parallelität zu M3 unbedeutend sein lassen. Aber eine halbierte Fließgeschwindigkeit bedeutet auch eine halbierte Geldmenge. 

Mehr Geld durch die EZB animiert aber die Wirtschaft nicht das Tempo zu erhöhen, im Gegenteil, die Abnahme der Geschwindigkeit wird den Effekt der zusätzlichen 1000 Milliarden aufzehren.

Stillstehende Räder bei Streiks

Zweitens: Die Dynamik des Wirtschaftskreislaufes durch höhere Löhne und steigende Möglichkeiten in Form qualifizierterer Bildung, effektiverer Infrastruktur und besserer sozialer Mobilität ist ausgehebelt. 

Die Gewerkschaften laufen der Entwicklung genauso hinterher wie der schrumpfende Staat. Statt die Kapitalhalter vor sich herzutreiben übt man sich in Wohlverhalten und Kooperation. Aus Harmoniesucht oder dem Versuch im Interesse eines "größeren Ganzen" Konflikt zu vermeiden, vermeidet man auch die Verbesserung der Verhältnisse aktiv zu befördern. 

Auch der so genannte Staat, in Wahrheit die Bürokratie, pflegt seine Aufgaben mehr und mehr zu privatisieren. Damit geht er von der präemptiven Organisation, die a priori vorsorgt, Wachstum erzeugt und ermöglicht, zur posterioren und reaktionären Wirtschaft über. 

Damit verkommt das System zur Reaktion, die Wachstum dämpft und verhindert, ist nicht mehr Aktion, die gestaltet und Zukunft schafft.

"Staat" bei Bienen und Menschen hat nicht die gleiche Bedeutung

Deshalb müssen die Strafzinsen zum Bunkern von Geld noch höher werden, die Gewerkschaften müssen mehr fordern, denn das Wirtschaftswachstum kann nur so hoch sein wie die Summe aus Steigerung der Löhne und der Wert der zusätzlichen sozialen Errungenschaften darstellen. Alles andere Wachstum ist nur ein virtuelles Wachstum, das auf der einen Seite den numerischen Reichtum einer kleinen Schicht vergrößert, aber der nominelle und gesamtgesellschaftliche Reichtum stagniert, weshalb das tatsächliche Vermögen der weniger reichen Bevölkerung faktisch und relativ zum Ganzen schrumpft. 

Oder plumper formuliert, solange sich die Reichen nur ein größeres Stück aus dem Kuchen schneiden, der Kuchen aber nicht größer wird, solange gibt es auch keine Verbesserung der Zustände. Und es nützt auch nichts mit der gleichen Menge an Zutaten und nur mehr Treibmittel den Kuchen zu vergrößern, er wird nur fad dabei, aber nicht wirklich größer und besser. Das ist dann Windbeutel-Wirtschaft.

Nachtrag: In der Diskussion kam noch ein zusätzlicher Aspekt des "Kuchens" auf. Der Kuchen verbleibt derzeit beim Bäcker, weil nicht genug Geld in Umlauf ist um überhaupt alle Kuchenstücke zu erwerben. Und der Bäcker hortet deshalb sowohl Kuchen als auch das Geld und entwertet damit beides. 

Nicht die Größe des einzelnen (Deines) Stücks ist wichtig, sondern der ganze Kuchen
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