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Evolution oder Devolution des Zeitgeistes


Alles ab, eine Lösung bei Sexualdelikten?
Es mehren sich Äußerungen in der Zivilgesellschaft, die scheinbar härtere, brachialere und irreversible Strafen für Taten verlangen, die als besonders abscheulich empfunden werden. Diese Forderungen werden gemacht, obwohl bekannt ist, dass bei spontanen Affekt-Taten oder solchen von Triebtätern der Mechanismus der Abschreckung gar nicht greift, eine Außenwirkung der brachialen Strafe nicht existiert. Von Kastration bis zur Todesstrafe werden unverhohlen reine Rache-Phantasien geäußert, die Triebhaftigkeit der Tat wird mit triebhafter Reaktion bedacht, es entwickeln sich in doppeltem Wortsinn reaktionäre Kräfte. 

Dieses Meinungs- und Stimmungsbild, das vermehrt zu beobachten ist, verdrängt Wissensstand und vernunftgesteuertes Handeln, ist anti-aufklärerisch und rückwärtsgewandt.

Das wirft bei viele aufmerksamen Betrachtern die Frage auf, ob das schon immer so war, man es nur nicht beachtet hat, oder ob diese Gedanken erst in neuerer Zeit vermehrt auftreten. Ob die Propaganda der politischen Extreme hier einen Beitrag liefert, dieses Denken in die Köpfe der Menschen transportiert.

Dem ist nicht so, diese Gedanken sind nicht neu und waren immer verbreitet.

Nur hat keiner diese Gedanken weiter verfolgt oder gar öffentlich gemacht. Rachsucht, Vigilantismus und Gegengewalt sind psychologisch und anthropologisch begründbare Reaktionen auf (vermeintliche) Angriffe. Es handelt sich um Affekte, Reaktionen auf die Umwelt und die Gesellschaft, die ebenfalls vielfältige Ursachen haben. Auch der rachsüchtige Bürger ist den gleichen Mechanismen unterworfen wie kriminelle Täter. Genetische Ursachen, Erziehung und Traumatisierungen bewirken eine steigene Affektintoleranz.
Affektintoleranz dagegen ist die Unfähigkeit, einen stimulierten Affekt lange genug auszuhalten, bis dieser mit Abklingen seiner Brisanz durch kognitive Interpretationsprozesse, die unbewusst sein können (s. u.), zu einer ausbalancierten Emotion und einer Veränderung der interpersonellen Beziehungseinstellung im psychosozialen System gefunden hat – eine kommunikative Gemeinschaftsleistung (s. u.). Andererseits kann eine fortdauernde Affektstimulation ohne Möglichkeit der Ausbalancierung zu Störungen der seelischen und körperlichen Gesundheit führen. (Wikipedia)
Die Menschen haben Zivilisation entwickelt, die Selbstkontrolle einfordert und gesellschaftliche Konventionen zur Eindämmung entwickelt (staatliches Gewaltmonopol, Notwehrgesetze) um mit diesen Affekten umzugehen, Kontrolle aufzubauen und Chaos und Destruktion zu verhindern. Denn abgesehen von dem Gewaltelement der Rachsucht, ist die Fehlerrate bei diesen Taten erheblich und sie beinhalten eine Irreversibilität, die auch die Vigilanten regelmäßig zu Tätern macht, die wiederum Gegenstand der Rachsucht sind und so ein Kreislauf der Gewalt entsteht, der schlussendlich die Gesellschaft korrumpiert und nachhaltig beschädigt. Die Auswirkungen können in Ländern und Gesellschaften beobachtet werden in denen Blutrache noch ein anerkannter Teil des privaten Lebens ist. Dort können auch regelmäßig der Zerfall zivilier und staatlicher Strukturen beobachtet werden, ist die Integrität der Justiz verletzt und die Funktion des Staates an sich gefährdet.

Derartige Tendenzen sind deshalb auch in den westeuropäischen Zivilgesellschaften zu befürchten.

Es gibt einen staatlich organisierten Konsens zur Strafe, der Gefahr läuft nicht mehr Konsens zu sein

Was hat sich verändert? Worauf muss man achten und welche Möglichkeiten der Abwehr gibt es?

Nicht die grundsätzliche und archaisch erscheinende Gewaltbereitschaft ist neu, sondern der Kontrollverlust. Durch die öffentliche Verbreitung rachsüchtiger Meinungen, archaischer Täterbestrafungen und affektgesteuerter Aktion als Option oder Wunschtraum, wird von interessierter Seite der Eindruck erweckt, diese Selbstkontrolle wäre nicht mehr in gleichem Umfang wie früher gesellschaftlicher Konsens oder Konvention, wäre nicht mehr Mainstream. 

Es beginnt sich eine Mutation des Zeitgeistes zu bilden, die sich aus sich selbst heraus befördert. 

Die Frage sollte deshalb gestellt werden, wer ist diese interessierte Seite, die sich einen Verlust der Konventionen und Errungenschaften der Aufklärung wünscht? Warum will man eine Destabilisierung und Abkehr von der Vernunft? Welche weiteren gesellschaftlichen Änderungen werden damit befördert?

Es gibt historische Beispiele die das Schlimmste befürchten lassen, sei es die Hinrichtung von Giordano Bruno, die triebhafte Menschenverachtung der Nazis oder die amerikanischen Stand-your-Ground-Laws. Die gesellschaftliche Akzeptanz von Affekthandlungen als Antwort auf Kriminalität oder gar Affekthandlungen durch Organe des Staates (wie die amerikanische Folterpraxis als Antwort auf 9/11) führen zu einer Destabilisierung der Gesellschaft und einem Verfall der Zivilisation.

Als Strategie kommt selbstverständlich keine weitere Affekthandlung oder Ungleichbehandlung in Frage. Auch die Nachhaltigkeit von Gegenmaßnahmen ist anzustreben. Das lässt Anstrengungen in der Bildung und Erziehung vorrangig erscheinen, Förderung von populären Medien, die die Problematik aufzeigen, sei es im Rahmen von Scripted-Realiry-Shows oder Soap-Operas, seien es GameApps oder Comics, der Staat muss hier entsprechende Aufklärung fördern und befördern.

Gefordert sind auch die Intellektuellen und Meinungsbildner, sie müssen klar Position beziehen und deutlich auf die wissenschaftlichen Zusammenhänge hinweisen, den Menschen die Sachlage und mögliche Auswirkungen erklären, sie mahnen und leiten. 

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