Und ewig währt der Menschen Liebe zu Schonbezug und Wollsocken

Eine selbst erschaffene Idylle? 

Das Leben ist kein Ponyhof, kein Zuckerschlecken und es gibt keine Garantien auf Glück und Spaß. Nur viele Menschen sehnen sich, verzehren sich, erleben das Ausbleiben dieses Ideals als persönliches Versagen oder als Tat böser und unheimlicher Mächte. Können sie diese Mächte nicht klar erkennen, werden diese zu den heimlichen Mächten in Verschwörungstheorien. Dieser Mechanismus treibt und trieb immer einen Teil der Gesellschaft. Einen Teil, der mit schlichten Gedanken in dieser simplen und banalen Weltsicht gefangen ist, das eigene Leben auf diese beschränkte Realität ausrichtend und jede Abweichung, Veränderung oder gefühlte Bewegung der Gesellschaft als gefährlich denunzierend.

So war es vor genau 200 Jahren in der Epoche des Biedermeier. Eine Epoche der Restauration, in der heute das völkische Zeitalter, die Geborgenheit des Gelsenkirchner Barocks und der Musiktruhe dem Internet-Zeitalter, der multikulturellen Gesellschaft und dem Mediaplayer entgegengesetzt werden. Es ist wieder eine Phase in der von vielen eine "Gute alte Zeit" beschworen wird. Eine verklärte Erinnerung an etwas, das nie existierte, ein Märchentheater der politischen Sinne, das in Wahrheit einen Grand Guignol der menschlichen Abgründe in sich birgt. Mit dieser Selbsttäuschung flieht man in einen Innenwelt der Idylle und des privaten Pseudoglücks, zelebriert eine Kultur der nostalgischen Ästhetik und der restaurativen Akzente. Dabei gilt das Hauptaugenmerk dem äußeren Schein, nicht dem Sinngehalt oder dem sachlichen Wert. 

In dieses Erscheinungsbild zählen Projekte wie das Berliner Stadtschloss, Fackelzüge zum Bannen des Dämons der Islamisierung - konservativistische Bestrebungen, die sich konservativ nennen. Verkennend, dass konservative Prinzipien die Werte erhalten wollen, unabhängig von ihrer Form, das der Gehalt der Wert ist, nicht die Hülle oder Form. So wird versucht Rituale und Kultur der Veränderung zu entziehen, wohlweislich ignorierend, dass gerade Veränderung und Anpassung ein unveräußerlicher Teil von Kultur und Ritualen sind. So entsteht das Biedere, das Hausbackene und das Spießige unter Zerstörung der Kultur und ihrer Werte erschafft man eine starre Kopie, ein bizarres Witzbild, den Herrn Hoppenstedt als Mustermann.

Modelleisenbahn als Traumland der Ideale

Vor 200 Jahren entstand aus der gleichen zeitgeschichtlichen Dynamik eine andere Bewegung, die gegenläufig zum Biedermeier stand - der Vormärz. Und wie es aussieht haben wir wieder diesen Dualismus haben, auf der einen Seite das Biedermeier der Restaurativen und Reaktionäre, der Stadtschlossbauer und der Pegidas, auf der anderen der Vormärz, die Bewegung der offenen Gesellschaft, der Internettransparenz, der direkten Demokratie. In diesem modernen Vormärz lebt noch die politische Idee der Liberalität, die bei den Freidemokraten zur libertären Ökonomie pervertiert wurde. In diesem modernen Vormärz lebt ein neuer nationaler Gedanke, der Nation der Demokraten, der Nation der Equality, der Nation der Europäer, was nichts anderes ist als der alte und immer junge Gedanke von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - Liberté, Égalité, Fraternité - die Revolution lebt noch. Nur die Schlichten versuchen sich an einer Restauration der völkischen Zeit und des Gestern.

Da die Veränderungen und die möglichen Entwicklungen der Zukunft viele Besitzstände in Frage stellen und die Gedankenfaulen und Zaghaften mit Furcht erfüllen, entwickeln diese Strategien und Forderungen um ihre Biedermeierwelt zu retten. Das kann im Kleinen stattfinden wie die derzeitigen Montagsdemonstrationen in Dresden oder im Großen, wenn Putin und die Kreml-Tea-Party das Großrussische Reich zu erneuern suchen oder die USA ihren Commonwealth of Dollar Dream träumen. Diese Auseinandersetzung wird die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts prägen und man kann nur hoffen, dass die progressiven Kräfte obsiegen wie vor zwei Jahrhunderten. Andernfalls besteht die Gefahr, dass wie nach dem Konstanzer Konzil die Welt in ein neues Mittelalter stürzt.

Vor zweihundert und vor sechshundert Jahren stand die europäische Welt vor einem Paradigmenwechsel. Technologie, Kultur und Wirtschaft veränderten sich, mal war es die Industrialisierung, oder Jahrhunderte davor der Aufbruch der Wissenschaften sich von den Dogmen der Bibel zu lösen. Heute ist es die Transformation in die Informationsgesellschaft, ins globale Dorf des Internets. Alle diese Epochen, leider auch die heutige zeigen Auswüchse wie Pauperismus, unmotivierte Kriege und religiösen Massenwahn.

Diese Dualität der Ereignisse und Abläufe ist beängstigend in ihrer Aussage über die Lernfähigkeit der menschlichen Gesellschaft als Ganzes, andererseits ist sie eine Chance und ein Quell der Inspiration. Nehmen wir diese Lehre der Geschichte an und verkürzen wir die Zeit der Irrungen und Wirrungen. Niemand hat den Rücksturz in ein dunkles Zeitalter oder in langwierige und blutige Revolutionskämpfe verdient. Wir sind informierter, erfahrener, kundiger und besser organisiert. 

Wir können die Menschen vor der dunklen Seite des Zeitgeistes retten. 

Christliche Pilgergruppe


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