Direkt zum Hauptbereich

Emilia Galotti am NTM - Der christliche Ehrenmord wird verleugnet

Nationaltheater Mannheim  

Diese Inszenierung am NTM durch Elmar Goerden basiert auf dem Klassiker und philologischen Dickschiff "Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing. Mit dieser 250-jährigen Vorgeschichte ist es nicht einfach sich den vielfältigen Interpretationen durch den Wandel der Zeit zu stellen und eine neue Antwort für ein Publikum im Mannheim von Heute zu geben.

Entstanden ist das Stück in einer Zeit des politischen Umbruchs, einer Ära der Veränderung, die im Licht der Aufklärung den Mensch und sein Wesen neu definierte. Der Siebenjährige Krieg war bei Erstaufführung erst ein paar Jahre Vergangenheit und diese wahnwitzige Großfehde des Adels noch in frischer Erinnerung, die zunehmende Unfähigkeit des Adels eine moderne Staatsführung sicherzustellen war zu dieser Zeit immer deutlicher im Alltag zu spüren, große Teile der Bevölkerung noch leibeigen oder in Frondienste gepresst. Daneben entwickelte sich ein besitzendes Bürgertum mit ersten Freiheiten und Bürgerrechten in den Städten. 

Lessing selbst entstammte nicht diesem städtischen Milieu, sondern war in einer ländlichen Kleinstadt in einem klerikalen Haushalt aufgewachsen. In dieser eher pietistischen Gesellschaft, in der es ein halbes Jahrhundert zuvor noch Hexenprozesse gegeben hatte, machte er sich auf den Weg in eine akademische Karriere, wie sie für das 18. Jahrhundert typisch war. Der Weg zum Juristen oder Theologen schien vorgezeichnet. Als Student an der Universität brach sich jedoch sein wortmächtiges Talent Bahn und neben Begegnungen mit Goethe und Freundschaft mit dem Philosophen Moses Mendelsohn trug sein persönliches Erleben des aufstrebenden Bürgertums dazu bei, dass er sich neben verschiedenen beruflichen Engagements der Poesie und der Dramatik zuwendete. 

G.E. Lessing

In seinen Werken wird Lessing dieser gesellschaftlichen Veränderung Ausdruck verleihen, die Konflikte zwischen Vergangenheit, Zeitgeist und einer erwarteten Zukunft zu Dramen verdichten und seine Sympathie für die Ideen der Aufklärung bekunden. Er sieht sich sowohl als Porträtist seiner Zeit, als auch als Prophet des Kommenden. In Emilia Galotti erscheint Lessing selbst als Maler Conti, der sowohl das Jetzt in Form der Gräfin Orsina malt, als auch das Kommende in Person der Emilia und dabei die Kunst und Kultur verkörpert. Lessing weist den Künsten die Aufgabe zu, den Menschen das Neue zuzuführen, sie damit bekannt zu machen. Dies stellt er als allegorische Handlung an den Beginn des ersten Aufzugs.

Und er steigert die Verwicklungen zwischen neuer bürgerlicher Gesellschaft in Form der Familie Galotti und dem alten Feudalsystem verkörpert im Prinzen und vor allem in der Figur des Marinelli, dem Archetypus des pragmatischen Handlangers und der Bürokratie, dem jedes Mittel zum Zweck recht ist. AM Ende steht dann die Tragödie der Emilia Galotti, der Suizid aus zum Erhalt der Familienehre und zur Erhöhung zur Heiligen.

Lessing besetzt diese Opfer positiv und lässt Vater und Tochter zu Heroen der neuen Zeit werden, deren Verweigerung gegenüber den alten Mächten, dem Prinzen und seinem Marinelli, der finale Protest gegenüber den Traditionen ist. Die neuen Werte erfordern absolute Reinheit und Wahrheit, Lessing nimmt damit in seiner Handlung die Parole der Französischen Revolution vorweg: Liberté, Égalité, Fraternité ou la mort. Emilia bekommt das eine nicht gewährt und wählt deshalb den Tod - ou la mort, eine andere Alternative gibt es nicht in der hehren Welt Lessings und seiner Dramen. 


Was macht Elmar Goerden in seiner Fassung aus diesem Labyrinth aus Worten und Geschehen? Er filetiert es, er zerschneidet es, er weidet es aus. Zurück bleibt ein Rumpf an Handlung, aus Figuren und einzelnen Sätzen. Lessings Alter Ego, der Maler Conti, er verschwindet. Der Dualismus aus manierierter Adelswelt und und ihres Imitats in der bürgerlichen Welt verschwindet. Ausgefeilt Psychogramme der Figuren werden Slapstick und Oberflächlichkeit geopfert. Aus der politischen und gesellschaftlichen Tragödie wird ein psychologische Kammerspiel mit einem Adligen in der Midlife-Crisis und einer unmotiviert in ihrer Ehre angegriffenen Kleinfamilie. Der Konflikt zwischen den sozialen Schichten ist einem schwer fassbaren Nebeneinander der Welten gewichen. Dieser Torso hat nicht nur kein Herz und keine Leber, er hat auch keine Nieren mehr. Wo das Original der alten Obrigkeit ans korrupte Bein pinkelt, da lässt diese Inszenierung einen Prinzen zurück, der seine psychotische Beinahe-Geliebte und ihre Eltern schnell wieder losgeworden ist und sich unbekümmert weiter seiner sexuellen Erfüllung widmen kann. 

Aus der Sozialkritik wurde ein Hohelied auf den adligen Playboy und seinen Pimp Marinelli. Auch die emotionale Musik von Helena Daehler, die nicht nur für den musikalischen Part verantwortlich zeichnet, sondern auch auf der Bühne eine herausragende Live-Performance bietet, kann dieses Ausweiden des Originals nicht kompensieren.

Wo Lessing mit eingestreuten Phrasen und Keywords seinen Konflikt mit den eigenen Eltern, dem Untertanentum der Älteren und seinem pietistischen Umfeld zeigt, schlussendlich der Ehre und Unbeflecktheit eine christliche Erhöhung zuweist und so deutlich macht, dass das neue Bürgertum, die neuen Freiheiten der Menschen nur Freiheiten innerhalb der christlichen Werte sein können, so liefert diese Interpretation am NTM keine Gründe für den Opfertod. 

Der Ehrenmord findet statt, aber er wird seines christlichen Fundaments beraubt und jeglicher politischen Attitüde beraubt. Ich möchte mir nicht vorstellen, was aus dem humanistischen Drama Lessings, dem Giganten Nathan der Weise, geworden wäre, hätte man ihn ähnlich kastriert. Wenn man eine museale Inszenierung vermeidet - für diese gibt es den DEFA-Film - dann muss man die vielen zeitgenössischen Bezüge des Stückes aufgreifen. Dann muss man sich mit der eigenen Situation auseinandersetzen und sie im Stück reflektieren. Gerade Mannheim mit seiner sozialen Struktur schreit nach einer Übertragung des Stücks. Und selbst wenn man es auf die inneren psychologischen Dynamiken der Figuren ausrichtet, kann man den Sexismus der letzten 250 Jahre nicht ausblenden. 

Hier bleibt eine gewisse Leere in mir zurück. Der Ehrenmord findet statt, aber er ist kein gesellschaftliches Ereignis, keine Anklage mehr, er ist nur noch banal. Er wird zum persönlichen Schicksal ohne den Hintergrund einer patriarchalen und christlich-fundamentalistischen Gesellschaft.

Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft - jede Abweichung ist ein Risiko

Dagegen steht die Leistung der Schauspieler, nicht nur routiniert die erste reguläre Aufführung nach der Premiere abzuliefern, sondern sich voll und ganz in die Inszenierung einzubringen, so wenig Sinn und Substanz sie haben mag. Nuancenreich werden die Figuren fern von Lessing gezeichnet, erscheinen lebendig, ein Soziotop wurde zum Leben geweckt. Wenn auch die Kumpanei zwischen willigem Prinzen und intrigant initiativem Marinelli den Drehpunkt bilden und die Galottis zu Nebenrollen degradiert werden, diese beiden treiben die Handlung. Am Schluss steht eine Ensemble-Leistung bei der niemand abfällt und niemand herausragt. Solide und unterhaltsam. Ich mag mir nicht vorstellen, was mit einem anspruchsvolleren Aufbau und kontroverseren Inhalten aus dem Abend hätte werden können. 

Deshalb, wer einen unterhaltsamen Abend erleben will kann diese Aufführungen gerne besuchen und sich auf einen schönen Abend freuen. Wer Lessings originale Inhalte will, muss zur DVD mit dem DEFA-Film greifen. Wer eine Inszenierung sucht, die zeitgenössische Fragen stellt und beantwortet, der muss weiter suchen.

Besetzung am 1. März 2015




Beliebte Posts aus diesem Blog

Bleigießen - Orakel und Symboldeutung

Das Bleigießen ist ein jahrtausendealtes Ritual zum Wahrsagen. Es sollte Warnungen und Hilfen geben in Zeiten des Wandels. Wurde es bis zum ersten Weltkrieg gerne vor Verlobungen, vor der Emigration oder anderen Lebensentscheidungen benutzt, so ist es heute hauptsächlich ein Partyspaß an Silvester, um einen Blick aufs kommende Jahr zu werfen.

Bis ins 19. Jahrhundert war es ein billiges Wahrsageritual, gegen das die christliche Kirche keine großen Vorbehalte hatte. Das Bleigießen war preiswert, das benötigte Material fand sich früher in jedem Haushalt. Heute würde man kein Blei mehr im Haus finden und auch die fertigen Sets zum Bleigießen enthalten kein Blei mehr. Es sind meist unbedenklichere und trotzdem leicht schmelzbare Metalle wie Zinn-Legierungen.
Was brauchst Du dafür?
"Bleifiguren" - aus Gesundheitsgründen bestehen sie heute aus Zinnlegierungen
(deshalb, kein richtiges Blei verwenden, falls man noch Abfallstücke herumliegen hat - giftig!)hitzebeständiger Metall-Löffel,…

Gemüsetopf mit Apfel und Berberitzen

Zutaten für 2 Personen: je 200 g Hokkaido-Kürbis, Kohlrabi, Pastinaken, Süßkartoffeln, Äpfel alles geputzt bzw. geschält und gewürfelt bis auf den Apfel, Saft von einer Zitrone, 1 El Bratöl Olive, 2 El Gänse- oder Entenschmalz (oder nur Olivenöl), 1 El Petersilie oder Speisechrysanthemen-Blätter, 1 El Bio-Berberitzen-Beeren,  je 1 Msp Macis-, Kumin-, Sumach- und Zimt-Pulver, 1/2 Tl Majoran, Salz, 1 El Schnittlauch-Röllchen zur Dekoration.
Den Ofen auf 90 bis 100 °C vorheizen, Keramikform anwärmen. Schmiedepfanne mit 1 El Olivenöl erhitzen. Das Gemüse kann man auch etappenweise vorbereiten während eine andere Sorte brät. Die einzelnen Gemüsesorten jeweils 4-5 Minuten unter gelegentlichem Rühren anbraten. Das aufeinanderfolgende Anbraten und anschließende Nachgaren im Backofen berücksichtigt die unterschiedlichen Garzeiten dieser Gemüsearten.
Zuerst die Kohlrabi-Würfel auf 2/3 Hitze anbraten, in die Warmhalteform geben und im Ofen nachgaren lassen. Hitze steigern und die Würfel vom Hok…

Schmand-Borschtsch vom Schwarzen Meer

Schmand-Borschtsch war das erste typische Schwarz-Meer-Rezept, das ich bei meiner Frau und ihrer Verwandschaft kennen lernte. Ein Gericht, das die Küchen Rumäniens, Russlands und der schwäbischen Herkunft der Siedler vereinte.

Aber der Borschtsch wäre nicht mehr das, was es früher einmal gewesen wäre, klagten die älteren Familienmitglieder. Das Fleisch wäre nicht mehr so, man bekäme nicht mehr die gleichen Knochen und die Rinder würden zu jung geschlachtet. Die Unterschiede und was man vermisst wurden genau beschrieben. Für mich war das der Anlass nach den Ursachen zu suchen und ein angepasstes Rezept zu entwickeln.
Der Tipp mit dem Schlachtalter und den Knochen war ein erster wesentlicher Schritt. Wurde historisch die Hochrippe mit Fleisch und Knochen verwendet, die beim älteren Rind eine ganz andere Struktur und Faserigkeit zeigt, so findet sich ein vergleichbares Fleisch heute bei Rindfleisch mit 12-20 Monaten Schlachtalter eher in der Wade. Selbst Freilandtiere aus Bio-Haltung ha…