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Heribert Prantl zur Armut in Deutschland


In seinem heutigen Kommentar auf sueddeutsche.de befasst sich Heribert Prantl mit der Armut in Deutschland. Er entlarvt dabei unfreiwillig eine Sichtweise aus etablierter Position, die Teil des Problems ist und in ihrer weiten Verbreitung einer Lösung im Weg steht.

Was passiert da einem Kommentator, der welt- und lebenserfahren auf die Gesellschaft blickt und nicht merkt, dass sie nicht nur zurückblickt, sondern ihn schon umarmt hat? Prantl schreibt:
Ist also dann die Not derer, die jeden Cent dreimal umdrehen müssen und die samt ihren Kindern nur knapp irgendwie über die Runden kommen, keine richtige Not?
An dieser Stelle verläuft sich Prantl kurz - dort wo er neben Armut auch noch die Not erwähnt und dabei den Eindruck erweckt, das wären synonyme Begriffe, es wären existentielle Weggefährten des Seins. Hier verfällt er sprachlichen Traditionen, die Unangenehmes seit langer Zeit kaschieren und verwischen.

Denn Armut ist eine Realität in Deutschland, die Not nicht. Physische, existentielle Not, unmittelbare Bedrohung des Lebens ist kein Teil des Alltags, auch nicht als Ausnahme von der Regel. Sie existiert als krimineller Akt in der Illegalität, egal wer dafür verantwortlich ist. Not ist kein Teil der gesellschaftlichen Problematik, sie ist eine Aufgabe für Staatsanwaltschaften, Polizei, kurz für die Justiz, nicht die Politik.


Dann aber verläuft sich Prantl nicht nur, er verrennt sich, zeigt sich erkennbar als Angehöriger der Etablierten, die die Armut nur von der Aussensicht kennen.  
Im "neuen Unten" bleiben die Leute für sich: netzwerkunfähig, vereinsamt.
Das sind sie nicht, die Menschen an der Basis, dem so genannten "Unten". Sie sind nur über die sozialen Schichten hinweg nicht vernetzt. Sie sind innerhalb ihrer Schicht durchaus vernetzt und sozial eingebunden und weit entfernt von Einsamkeit und persönlicher Ausgrenzung. 

Das ist das zentrale Problem dieser Armutsentwicklung, dieses wachsenden "Social Gap", der Verlust der sozialen Durchlässigkeit, der vertikalen Offenheit unserer Gesellschaft.

Selbstverständlich sind die Menschen vernetzt, selbstverständlich haben sie soziale Kontakte. Sie haben Freizeit und soziale Teilhabe, nur eben nicht mehr mit Angehörigen anderer sozialer Schichten. Sie leben nicht im Gegeneinander zur Oberschicht, sondern aneinander vorbei. Die Inhalte der beiden Kulturen werden immer unterschiedlicher, die Formen bis hin zum sprachlichen Code ebenfalls. Popkulturelle Referenzen haben nichts mehr gemein, zeigen unterschiedliche Welten und Philosophien. Und ein Mittelstand, in dem sich die Welten früher begegneten, in dem ein Austausch und Transfer stattfand, der verschwindet. Existiert nur noch in der Schicht der Rentner und Pensionäre, einer sozialen Struktur auf Abruf, im Aussterben begriffen.

Damit wandelt sich unsere Gesellschaft zurück zum Ständestaat. 

Eine Gesellschaft in der es statt der Aristokraten eine Schicht der ökonomisch Relevanten gibt, etabliert und mit Teilhabe an einer Welt, die sich über Luxus differenziert. Daneben sind es nicht mehr Leibeigene und gemeines Volk, der Pöbel, die Plebs, die dafür schuften, dass der Adel ein prächtiges Leben hat, sondern das Prekariat. Ein Prekariat, das sich in zunehmenden Maß zwischen Konsumterror, Schuldsklaverei und frühdementer Banalkultur verliert. Den Willen zum Widerstand und Aufstieg verliert. Sich mit einer Existenz der schlichten Bedürfniserfüllung zufrieden gibt.

Und was haben wir? Ein Land, das funktioniert, das keinen Ärger macht und Wachstum produziert. Keinen Staat in dem die Zufriedenheit wächst. Keine Gesellschaft, in der die Zufriedenheit mit der Welt, dem Leben und sich selbst gedeiht. Es ist eine Gesellschaft, der das äussere Glück, die Erfüllung und der Glanz abhanden kommt. In der die Reichen vermeiden aufzufallen und die Armen keine Chance dazu haben. 

Eine graue Welt.

Heribert Prantl zählt zu denen, die noch im Licht stehen und deshalb beim Blick auf den Schatten nicht umhin können zu blinzeln. Er sieht die Lücke, verkennt aber, dass sie nicht neu ist, sondern schon immer da war. Nur war sie früher mit einem Mittelstand gefüllt, der für Ausgleich, soziale Mobilität und gegenseitiges Verständnis sorgte. Dort trafen sich die Welten, dort überlappten sich die Netzwerke, dort versöhnte sich die Gesellschaft mit Chancen und über das Verständnis hinaus mit Verstehen. 





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