Conan - Komplette Originalausgabe für einen Euro


Die komplette Original-Ausgabe von Robert E. Howards Conan ist als Kindle eBook für 102 Cent erhältlich. Über 18000 Seiten Lesestoff, klassisch, angestaubt, eskapistisch, sexistisch. Pulp Fiction at its best.

Wenn man die Conan-Bücher liest, dann sollte man wissen, dass sie von einem sehr jungen Mann in seinen frühen Zwanzigern geschrieben wurden. Einem homosexuellen jungen Mann, der sich mit seiner sexuellen Orientierung aus den Zeitumständen heraus nicht auseinandersetzen konnte. Man muss sich das vorstellen, Texas vor hundert Jahren, Texas! Die Zeit der Präsidenten Coolidge und Hoover, der großen Depression. Eine Zeit in der Homosexualität ein Straftatbestand ist. Sein Schutz vor den Nachstellungen der Gesellschaft und vor allem vor sich selbst war seine feingeistige und kulturell interessierte Mutter. Als diese erkrankte bekam er Depressionen aus der Furcht, dass er seinen Schutzschild vor dem Unbill der Gesellschaft verlieren könnte. Für ihn hatte das Leben auf sich selbst gestellt, mit sich selbst allein gelassen, keine Perspektive und er bereitete sich auf den Suizid vor, den ultimativen eskapistischen Moment. Als sie schlussendlich ins Koma fiel und ihr baldiger Tod feststand, erschoss er sich. 

Dieser Eskapismus, der sein Leben und sein Ende bestimmte, der wohnt auch seinen Geschichten inne. Er war derart Teil seiner eigenen Existenz, diese Geschichten derart in ihm selbst verankert, dass sie zu schreiben ihm nie schwer fiel, er dachte die Handlung, es war sein Kopfkino, das wir heute lesen können. 

In gewisser Weise sind diese Bücher damit Fan-Fiction. Erzählungen von jemand, der Fan seiner eigenen Protagonisten war. Und der vor allem auf zutiefst homoerotische Weise eine Beziehung zu seinen Protagonisten hatte. Der Reiz, den dieser kräftige und muskulöse, fast nackte, Barbarenkörper auf ihn ausübte, den spürt man in seinen Erzählungen. Es sind Howards Träume, die uns heute erreichen und so sind diese dialoglastigen Geschichten Drehbücher fürs Kopfkino.

Und mit dem Wandel der Zeit, der Normalität von Homosexualität, der Veränderung von Körperkult, von Verkörperungen des Barbarenhelden durch einen Bodybuilder, der Vermischung mit neuzeitlichem Körperkult und der Philosophie der Martial Arts, in diesem Maß hat sich auch die Wahrnehmung der Conan-Erzählungen gewandelt. 

Manche Facette des Werks hat Staub angesetzt, andere sind und bleiben zeitlos spannend, Dialoge wirken noch fremdartiger und unserer Zeit entrückt. Vieles was damals zeitgenössisch war, amerikanische Gegenwartskultur und -sprache erscheint und heute cimmerisch, fantastisch und über diesen Prozess entwickeln die Bücher einen neuen Reiz und Charme. 

Auf der Meta-Ebene werden sie zu einem Blick in den Kopf des weißen amerikanischen Mannes des beginnenden 20. Jahrhunderts. Einer Zeit ohne Frauenrechte, eingeschränkten Menschenrechten für alle, die nicht weiße angelsächsische Protestanten waren, sei es eine Herkunft aus Asien oder Amerika, Native Americans oder andere sexuelle Orientierungen, nicht-christliches Bekenntnis oder gar Gottlosigkeit oder Kommunismus. Es war eine Zeit in der die Menschen einer Norm zu entsprechen hatten und Normabweichung nicht geduldet und mit Diskriminierung und Schlimmerem bestraft wurde. 

Howard hatte als Kind Lynchmorde erlebt, sah als Sohn des Landarztes die schlimmsten Folgen der gesellschaftlichen Hybris und Conan strotzt von diesem Zwiespalt. Der Furcht als Aussenseiter zum Opfer zu werden, der Sucht nach sicheren Verhältnissen und dem Bewusstsein, dass man der Stärkste sein muss um zu Überleben. Conan spiegelt den Alltag des Autors in seiner Flucht aus diesem Alltag wieder. 

Und so war es die Mutter, die Gestalt der starken Frau, die sich auch in Conan wiederfindet, die Sicherheit schafft, Begleiter und Kamerad ist. Deren Liebesepisoden klischeehaft die Wunschträume Howards wiederspiegeln, dessen eigene sexuelle Erfahrungen mehr als beschränkt waren. Es ist nicht bekannt ob mit seiner einzigen Freundin je zu intimen Handlungen kam, überliefert sind nur ausgedehnte Gespräche und gemütliche Treffen. Ein Umstand, der ihn in der homophoben Gesellschaft der texanischen Provinz als seltsam und absonderlich erscheinen lies und auch zum Gespött seiner Mitbürger machte.




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