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Gefahr oder Lauf der Geschichte - Kulturkampf in der Levante

Syrische und irakische Kulturstätten in Gefahr 

Angesichts des Einmarsches der ISIS-Truppen in der syrischen Stadt Palmyra sorgen sich die Menschen um die dort befindlichen Kulturstätten, die zum UNESCO Weltkulturerbe zählen. Sind diese Bauwerke und Denkmäler ersetzbar, könnte man sie restaurieren und sollte deshalb ihren Verlust vorerst ignorieren und das Hauptaugenmerk auf die betroffenen Bürger von Palmyra richten?

Abgesehen davon, dass jedes einzelne Menschenleben mehr wert ist als eine Sache, auch wenn sie ein Kulturdenkmal ist, es kommt auf den Kontext der Kulturstätten an. 

Ein Bauwerk wie die Engelsburg in Rom oder der Königspalast in Basantapur beziehen ihre Bedeutung aus der historischen Nutzung, der Geschichte. Werden diese zerstört oder beschädigt würden sie selbst als Ruine oder kleine Gedenktafel ihre Bedeutung unauslöschbar behalten. Werden derartige Stätten und Monumente wieder neu aufgebaut sind sie eine gültige Referenz, behalten ihren kulturellen Wert. 

Andere Kulturstätten beziehen ihre Bedeutung aus der Eigenschaft ein Kunstwerk zu sein. Michelangelos David, die Felsenstadt Petra, ein Gemälde wie die Mona Lisa, würden sie zerstört wäre eine Rekonstruktion nur eine Kopie, genauso gut könnte man dann ein Foto an einen Pfahl hängen. Ihr kultureller Wert schöpft sich aus der originären Eigenschaft, der Zuordnung zu einem Künstler, zu einer kunstschaffenden Gesellschaft. Bei diesen Werken ist jede Restaurierung, jede Rekonstruktion eine Entfernung vom eigentlichen Selbst, dem Original, dem Kunstwerk. Wie ein Mensch, bei dem man alle Organe ersetzt und schließlich auch das Gehirn und den Körper, er wäre (wenn das möglich wäre) nicht mehr dieser Mensch. Hier kann Identität verloren gehen. Die Kulturstätte oder das Kulturobjekt kann untergehen.

Originäre Kunstwerke müssen deshalb in Museen und anderen kontrollierbaren Aufbewahrungsorten gesichert werden, müssen transportabel in Krisensituationen gesichert werden können und dürfen nicht im Einfluss von Kriegs-, Sturm-, Erdbeben- und Flutgebieten verbleiben. Am ursprünglichen Standort kann dann eine Kopie als Erinnerung dienen und beliebig ersetzt werden.

Palmyra ist genauso wie die Buddha-Statuen von Bamiyan eine Kulturstätte der ersten Kategorie, restaurierbar, Bedeutungsträger aus dem Ort und der Geschichte. So sind auch alle Stätten in Palmyra über die Jahrhunderte immer wieder zerstört, neu aufgebaut, verändert und ergänzt worden. Gerade dadurch habe sie ihren besonderen Status als Weltkulturerbe, die Geschichte wechselnder Herrschaften und Religionen, die sich darin ausdrückt ist Teil des Wertes. In zukünftigen Jahrhunderten wird man die Episode ISIS dazuzählen und sowohl in Bamiyan als auch in Palmyra wird es heißen, diese symbolhaften Stätten wurden von den ISIS-Kämpfern so gefürchtet, dass sie sie dem Erdboden gleich machten. Die Bedeutung wird dadurch verstärkt, der Kulturerbe-Status bedeutungsvoller. Diese Horden reihen sich ein zum Drusenfürsten Fachr ad-Din II. und zu Hadrian, der ältere Tempel zerstörte um neue an gleicher Stelle zu errichten. Beide nicht ahnend, dass sie damit nur die Bedeutung der historischen Nutzung festigen, neue Bedeutung zur ursprünglichen hinzufügen und die gewachsene Kultur durch die Zeiten tragen. 

Nur ein aus den Augen aus dem Sinn wäre ein Sieg der Barbarei über die Kultur, aber dazu müsste ISIS Palmyra dem Erdboden gleichmachen, alles zu Kies zermahlen und jede Besiedlung an dieser Stelle aufgeben. Und das wäre ein kulturstürzender Erfolg, aber eine politische Niederlage, eine Kapitulation vor der Bedeutungsschwere der Geschichte. An dieser Stelle kann ISIS nicht gewinnen, so nicht und anders auch nicht. Gegen Jahrtausende Geschichte und Kultur verblasst alles was sie tun könnten und wird entweder zum Zeichen des Siegs der Kultur oder zur Randnotiz der Geschichte über die Arroganz vorbeiziehender Emporkömmlinge. ISIS könnte nur siegen, wenn es statt zu zerstören sich zu einer eigenen Kulturschöpfung bewegen würde, neben der die alte verblasst. Aber dazu bedarf es authentischer Inhalte, eigener Bedeutung und einer größeren Tiefe der dahinter stehenden Philosophie und Kultur. 

Es bedarf einer Kultur, um sie vererben zu können.


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