Direkt zum Hauptbereich

Zerfall der Zivilisation?


Natürlich gab es schon immer Menschen mit mehr Bildung und Menschen mit weniger Bildung. Doch sie waren nicht so ignorant und passiv wie heute. 

So drückt es ein besorgter Kommentator im Sozialen Netzwerk aus und er ist mit dieser Auffassung nicht allein. Es ist die steigende Anzahl von sinn- und merkbefreiten Auftritten in sozialen Netzwerken und im realen Leben die beängstigend ist. Nicht nur die üblichen Trolle, prominenten Politiker und eine steigende Anzahl gewöhnlicher Mitbürger machen sich zum Affen, sie finden sich auch zu Gruppen zusammen um ihre wirren Thesen und Weltanschauungen zu institutionalisieren. Obwohl sie es im doppeldeutigen Sinn der englischen Sprache besser mit sich selbst vollziehen würden.

Woher kommt diese organisierte Dummheit und Einfalt?

Es gibt witzige Erklärungen, dass Zombies heimlich die Gehirne wegknabbern und damit die Hirnlosigkeit hervorrufen. Es gibt Verschwörungstheorien, nach denen Chemtrails die Ursache sind, dass es Menschen gibt, die an Chemtrails glauben. Es gibt Studien, die den Einfluss neuer Nahrungsmittel auf das Mikrobiom untersuchen und von Veränderungen des Hirnstoffwechsels ausgehen.

Aber die Ursache ist viel einfacher zu benennen, hat zwei Buchstaben und rieselt 24h auf die Menschheit herab ... TV.

Wenn in der Bevölkerung der Eindruck erweckt wird, es wäre von irgendeiner Relevanz, wenn ein Bauer eine Frau sucht, ein Sänger in prekären Lebensumständen seinen Kopf in Kakerlaken steckt oder eine Gruppe versiffter Adliger sich über hunderte Episoden durch die Verwandschaft vögelt, dann verschieben sich die Werte. Es bilden sich neue Maßstäbe, was bedeutend ist, was wichtig ist und worin der Sinn es Lebens besteht.

Schon am Sprechduktus vieler junger Menschen unter 30 kann man erkennen ob sie GZSZ, Marienhof, Rote Rosen oder eine andere Soap konsumiert haben. Nicht wenige von ihnen richten sogar ihren Habitus und ihre Lebensplanung nach den dort gezeigten Rollenmodellen aus.

Nur kommen im richtigen Leben die Zeugnisse nicht aus dem Drucker des Requisiteurs und die Scheckkarte ist kein Decoy, das eine ATM-Attrappe zum Ausspucken von Fake-Money bewegt. Gespräche werden nicht geführt wie von einem unterbezahlten Script-Autor gebastelt, Beziehungsentscheidungen dienen nicht der Dramatik nachfolgender Episoden, sondern der Zufall und die menschliche Unwägbarkeit entscheiden über den Verlauf des Lebens.

Wie konnte es kommen, dass die TV-Rezeption derart tiefgreifend wirkt?

Ein bedeutender Teil der Ursachen ist das 12-jährige Reich der wahnhaften Nationalisten und ihre Propaganda. In der unmittelbaren Zeit nach dem Krieg war die Wahrnehmung von Nachrichten und Medien von tiefem Misstrauen geprägt. Nachrichten während der Herrschaft des braunen Regimes und erst recht während des Krieges waren von zweifelhaftem Wahrheitsgehalt. Sollte dieser Zustand mit dem Krieg und der Diktatur geendet haben? Was war Feind-Propaganda, was eigene, was stammte noch aus dem alten Regime, was aus der neuen Zeit, wem musste man misstrauen, wem konnte man noch glauben.

In dieses Vakuum an Wahrhaftig hinein entstand eine von alliierten Zensoren und Ideologen kontrollierte Medienlandschaft aus Zeitungen, Magazinen und dem aufblühenden Fernsehen.

Und gerade das Fernsehen hatte sich strikte Regeln gegeben, Journalismus aus dem Bilderbuch wurde angestrebt, jegliche Beeinflussung der Inhalte sollte abgewehrt werden, Journalistik in Reinkultur, neutrale und wertfreie Kommunikation von faktischen Ereignisse — das Utopia der Nachrichten und Features. Und dem Anschein nach gelang es diesen Anspruch zu erfüllen. Berichte und Neuigkeiten waren verifizierbar. Wer mit der Realität des Dargestellten konfrontiert wurde, konnte dessen Richtigkeit erkennen.

Es entstand eine Nachkriegsgeneration, für die das “Fernsehen” eine Institution der Wahrheit darstellt. Das Fernsehen hat immer Recht, das Fernsehen ist wahrhaftig, auf das Fernsehen kann man sich verlassen. Und das wurde der nächsten Generation täglich vorgelebt, die Tagesschau erkläre was in der Welt geschieht und hatte immer Recht. Und das sickerte in die Art wie die nächste Generation den TV-Konsum erlebte, als getreues Abbild der Wirklichkeit, als audiovisuelle Kopie der Realität.


Und dann änderte sich die Medienlandschaft. Das Privatfernsehen kam dazu, mit anderen Formaten, importiert aus Ländern ohne düstere Vergangenheit, unkritisch, ohne Anspruch auf Wahrhaftigkeit und ohne das Bestreben neutral und unvoreingenommen über die Welt zu berichten. Dort bestand auch keine Notwendigkeit für diesen Purismus.

Der Konkurrenzkampf um die Quote und die eigene Bedeutung verstärkte diesen Trend und führte ihn in die traditionellen öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten und schwappte mit Verzögerung in die Printmedien über. Magazine wie Der Spiegel reduzierten die Länge der Artikel, die Bilder wurden größer und bunter, das Heischen nach Aufmerksamkeit ersetzte das Streben nach der Qualität der Inhalte und der Tiefe der vermittelbaren Erkenntnisse. Die Tierfilm-Doku wurde von trivialen Erlebnistagebüchern der Zoo-Pfleger aus der Nachbarstadt ersetzt. Das Essay wich der Infografik und die soziologische Dokumentation der Soap-Opera. Und gerade die Soap-Operas sollten sich als katastrophal gesellschaftsprägendes Element erweisen.

Platziert in einer scheinbar realen Umgebung aus bekannten Versatzstücken und glaubwürdig möglichen Lebenswelten entstanden artifizielle Scheinbilder der Realität. Dieses Setting kollidierte mit der tradierten Wahrnehmung des Fernsehens als wahrhaftiger Institution. Soaps wurden nicht als Märchen, sondern als Abbild der Realität wahrgenommen. Ihr Realität wurde weder kritisch in Frage gestellt, noch ihre Trivialität akzeptiert. Die nachwachsende Generation erlebte und erlebt diese Formate und alle scheinbar echten “Scripted Reality Shows” als Rollenmodell für das eigene Leben.

In einer zunehmend anonymisierten Lebenswelt, in der direkte Teilhabe an Arbeitswelt und weiten Teilen der sozialen Existenz der Eltern nicht mehr stattfindet, in der der Anschein und der Schein das authentische Leben ersetzen, in dieser Lebenswelt wird die "scripted reality" des TV zum prägenden Einblick in das Leben selbst.

Nur ist das Gesehene nicht das Leben selbst oder sein Abbild, sondern die Karikatur eines Lebens.

Auf dieser romanhaften Grundlage entwickeln sich Wertsysteme, Lebensmodelle und eine Vorstellung wie die Welt zu sein hat, wie das Leben abzulaufen hat. Und diesem Konstrukt, dieser Persönlichkeit, ihr fehlt jeder Zusammenhang mit der Realität. Jeder.

Und mit dieser Diskrepanz ist die Umsetzung der Lebensmodelle zum Scheitern verurteilt. Es mehren sich die Versuche durch kleinen und größeren Betrug, durch Cheaten und Tricksen, das Scheitern zu verhindern. Investitionsblasen, Schneeballsysteme und Strukturvertrieb wurden zur häufigen Erscheinung. Doch die Realität und das Leben lassen sich nicht verbiegen, nicht verformen. Es kommt zu Brüchen und zum Versagen der Lebensmodelle. Das Missverhältnis, zwischen natürlichem menschlichem Verhalten und dem Lauf der Welt auf der einen Seite und den Erwartungen der trivialen Romanwelten auf der anderen, zerstört die Träume und Hoffnungen, die in der Jugend herangewachsen waren. 

Und es muss Schuldige für das Scheitern geben.

Schuldige, Verantwortliche, jemand auf den man den Verlust der Träume abwälzen kann. Jemand, der der Grund für all die scheinbare Misere ist, in der die Betroffenen gelandet sind. Die Misere, die nichts anderes als ganz gewöhnliches menschliches Leben ist. Niemand hat dieser Generation gesagt, dass das Leben kein Ponyhof ist, dass man nicht bis zur Bahre gepampert und in rote Rosen gepackt wird.

Ein Teil der Verstörten zieht sich zurück, versucht mit Drogen, Scheinaktivitäten und stimulierenden Reizen von harter Musik bis hin zum Extremsport dem Alltag zu entfliehen. Ein anderer Teil entwickelt Aggressionen und versucht die Verantwortlichen, wie er sie sieht, anzugreifen und gewaltbereit die Welt den eigenen Vorstellungen anzupassen.

Wenn dann die Ursachen für das eigene Unwohlsein das Fremde und Unbekannte ist, dann entsteht zusätzlich Xenophobie. Wenn die eigene Bedeutung an den Träumen aus den Soaps gemessen wird, dann entsteht Megalomanie. Psychosen feiern fröhliche Urständ.

An der sozialen Interaktion, dem Auftreten in der Öffentlichkeit, dem politischen Meinungsspektrum, an all dem kann man erkennen welche Fernsehprogramme die Betreffenden in ihren Kindheit und Jugend konsumiert haben. Das TV ist ein wichtiger und gefährlicher Teil der Sozialisation geworden und hat auf nachhaltige Weise die sozial-ethische Entwicklung verändert.

Und so wird das Fundament einer funktionierenden Zivilisation untergraben. 

Was können wir dagegen tun?

Ich habe leider keine Ahnung. Ich habe auch keine fliegenden Schweine, die den Lauf der Sonne verändern können. Und an göttliche Intervention glaube ich auch nicht. Ich habe einfach nur eine Scheißangst, dass es immer mehr werden, die denken das Leben wäre ein Ponyhof und es gäbe einen Anspruch auf roten Rosen gebettet zu werden. Denn das Ergebnis solcher Wahnideen kennen wir leider.






Beliebte Posts aus diesem Blog

Bleigießen - Orakel und Symboldeutung

Das Bleigießen ist ein jahrtausendealtes Ritual zum Wahrsagen. Es sollte Warnungen und Hilfen geben in Zeiten des Wandels. Wurde es bis zum ersten Weltkrieg gerne vor Verlobungen, vor der Emigration oder anderen Lebensentscheidungen benutzt, so ist es heute hauptsächlich ein Partyspaß an Silvester, um einen Blick aufs kommende Jahr zu werfen.

Bis ins 19. Jahrhundert war es ein billiges Wahrsageritual, gegen das die christliche Kirche keine großen Vorbehalte hatte. Das Bleigießen war preiswert, das benötigte Material fand sich früher in jedem Haushalt. Heute würde man kein Blei mehr im Haus finden und auch die fertigen Sets zum Bleigießen enthalten kein Blei mehr. Es sind meist unbedenklichere und trotzdem leicht schmelzbare Metalle wie Zinn-Legierungen.
Was brauchst Du dafür?
"Bleifiguren" - aus Gesundheitsgründen bestehen sie heute aus Zinnlegierungen
(deshalb, kein richtiges Blei verwenden, falls man noch Abfallstücke herumliegen hat - giftig!)hitzebeständiger Metall-Löffel,…

Gemüsetopf mit Apfel und Berberitzen

Zutaten für 2 Personen: je 200 g Hokkaido-Kürbis, Kohlrabi, Pastinaken, Süßkartoffeln, Äpfel alles geputzt bzw. geschält und gewürfelt bis auf den Apfel, Saft von einer Zitrone, 1 El Bratöl Olive, 2 El Gänse- oder Entenschmalz (oder nur Olivenöl), 1 El Petersilie oder Speisechrysanthemen-Blätter, 1 El Bio-Berberitzen-Beeren,  je 1 Msp Macis-, Kumin-, Sumach- und Zimt-Pulver, 1/2 Tl Majoran, Salz, 1 El Schnittlauch-Röllchen zur Dekoration.
Den Ofen auf 90 bis 100 °C vorheizen, Keramikform anwärmen. Schmiedepfanne mit 1 El Olivenöl erhitzen. Das Gemüse kann man auch etappenweise vorbereiten während eine andere Sorte brät. Die einzelnen Gemüsesorten jeweils 4-5 Minuten unter gelegentlichem Rühren anbraten. Das aufeinanderfolgende Anbraten und anschließende Nachgaren im Backofen berücksichtigt die unterschiedlichen Garzeiten dieser Gemüsearten.
Zuerst die Kohlrabi-Würfel auf 2/3 Hitze anbraten, in die Warmhalteform geben und im Ofen nachgaren lassen. Hitze steigern und die Würfel vom Hok…

Schmand-Borschtsch vom Schwarzen Meer

Schmand-Borschtsch war das erste typische Schwarz-Meer-Rezept, das ich bei meiner Frau und ihrer Verwandschaft kennen lernte. Ein Gericht, das die Küchen Rumäniens, Russlands und der schwäbischen Herkunft der Siedler vereinte.

Aber der Borschtsch wäre nicht mehr das, was es früher einmal gewesen wäre, klagten die älteren Familienmitglieder. Das Fleisch wäre nicht mehr so, man bekäme nicht mehr die gleichen Knochen und die Rinder würden zu jung geschlachtet. Die Unterschiede und was man vermisst wurden genau beschrieben. Für mich war das der Anlass nach den Ursachen zu suchen und ein angepasstes Rezept zu entwickeln.
Der Tipp mit dem Schlachtalter und den Knochen war ein erster wesentlicher Schritt. Wurde historisch die Hochrippe mit Fleisch und Knochen verwendet, die beim älteren Rind eine ganz andere Struktur und Faserigkeit zeigt, so findet sich ein vergleichbares Fleisch heute bei Rindfleisch mit 12-20 Monaten Schlachtalter eher in der Wade. Selbst Freilandtiere aus Bio-Haltung ha…